„Endlich Beton“

„Endlich Beton“

betitelte die „Volksstimme“ (VS) in ihrer Salzwedeler Ausgabe gestern den Hauptartikel auf Seite 2 – wie ein Verdurstender, der endlich das rettende Nass gefunden hat.
Wer aber braucht Beton zum Überleben??

Laut jüngster Botschaft des Weltklimarates brauchen wir hierzu Wälder, nicht Beton.

Vielleicht soll das Foto von der beeindruckenden Fläche, auf der Wald durch Beton ersetzt wird, aber auch zum Ausdruck bringen, dass – bei tieferer Betrachtungsweise – diese Autobahn den Wald schützt. – Wie das? – Nun, sie ist ein Vernichtungsschlag gegen die Todfeinde des Waldes, als da sind Waldbrände, Trockenstress, Borkenkäfer. Denn wo kein Wald ist, haben auch dessen Feinde keine Chance.

Die Autobahn wächst zwischen Colbitz und Tangerhütte. Die dunkle Asphalt-Schicht dient als Unterbau. Obendrauf kommen nun 26 Zentimeter Beton. Die Maschine schafft am Tag einen Kilometer.

Außerdem: alle klagen über Wassermangel. Dass dieser aber auch gute Seiten hat, auch das zeigt die Autobahn: Regen würde nämlich die Betonkanten instabil machen und den Betoniertrupp stoppen, sagt Bauleiter Warmbold (da sage doch mal jemand, an dem „nomen est omen“ sei nichts dran…) der VS.

Freudig und mit bestem Gewissen können wir also endlich das tun, worauf wir so lange gewartet haben: „schnurstracks zur Ostsee kommen“. – Endlich Beton, endlich Ostsee – hat der Beton doch etwas mit Wasser zu tun? – Offenbar ja! – Und in der Ostsee warten schon die Vibrionen auf uns. Auch sie freuen sich nämlich über die vermehrte Wärme. Man braucht in der VS nur ein paar Seiten weiter zu blättern, um das zu erfahren. Kürzlich haben sie einer Frau von diesem Leben ins Paradies verholfen. Nun, die Frau war schon älter und litt an Immunschwäche. Was soll man da sagen? Letztes Jahr gab es 17 Infektionen mit 3 Todesfällen. – Was ist das schon bei Dutzenden Millionen von Badegästen?!

Heute schreibt der gleiche Journalist (Jens Schmidt) auf Seite 1: „Das Land trocknet aus – Grundwasser sackt auf Rekordminus / Wälder werden gesperrt / Massive Ernteverluste“.

Die Register werden gezogen, wie sie gerade passen. Noch 2018 war bei der VS das Wort „Klimawandel“ tabu. Ein Leserbrief, der es enthielt, hatte keine Chance, veröffentlicht zu werden. Statt „Klimawandel“ hieß das „Wetterkapriolen“. Erst im Zuge des Dürre-Sommers gab man diese Sprachregelung auf und verzichtete allmählich auf die bösartigen Seitenhiebe, mit denen die erneuerbaren Energien regelmäßig bedacht wurden, wenn sich ihre Erwähnung schon nicht vermeiden ließ.

Heute wird gegen Energiewende und den damit verbundenen Strukturwandel nicht mehr polemisiert. Aber die Änderung bleibt oberflächlich. Von einem „Wandel Saulus zu Paulus“ kann keine Rede sein. Das zeigt so ein Artikel, den man auch mit „Sehnsucht nach Beton“ hätte überschreiben können.

Wir befinden uns an einer Schwelle, bei der es nicht nur um den Umstieg in eine andere Art der Energieerzeugung geht. Dass wir die fossilen Stoffe, die sich in vielen Millionen Jahren gebildet und dabei Unmengen von Kohlendioxyd gebunden und im tiefen Untergrund festgelegt haben, nun in 200 Jahren verbrennen und damit das CO2 wieder in die Atmosphäre bringen, ist die dramatischste aber keineswegs einzige Maßnahme, mit der wir unsere Lebensgrundlagen untergraben. Waldvernichtung und Bodenversiegelung gehören – auf vorderen Plätzen – mit dazu. – Und wie ist das mit dem Plastikmüll in den Ozeanen? – Oder ist der auch nicht menschengemacht (wie sich Einige in Bezug auf den Klimawandel immer noch beruhigen wollen)?

Jede Menge Überzeugungen geraten auf den Prüfstand. Auch die Überzeugung, dass jedes verhinderte Windrad ein Sieg für den Naturschutz sei. Jetzt erleben wir, wie schon einige Monate klimawandelbedingter Trockenheit ein flächiges Natursterben auslösen. Ob auch Naturschutzverbände allmählich erkennen, dass erneuerbare Energien – und gerade auch die Windkraft – nicht Feinde sind?? – Ja, zwei Fragezeichen. – Dass Lärmschutzwände an Autobahnen eine gute Möglichkeit für flächenverbrauchsfreie Installation von Photovoltaikanlagen gewesen wären, hat der BUND Sachsen-Anhalt bei seinem Kompromiss zur A 14 wohl nicht auf dem Schirm gehabt.

Die Evangelische Kirche in Deutschland veröffentlichte 1945 das „Stuttgarter Schuldbekenntnis“, worin sie erklärte, dass evangelische Christen eine Mitschuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus haben. Ob die gelobte „Buße“ den Praxistest bestanden hätte, konnte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr überprüft werden.

Bei dem Gesinnungswandel, mit dem die überlebensnotwendige Transformation unseres gesamten Wirtschafts- und Daseinsstils notwendig verbunden ist, liegt der Praxistest vor uns, bzw. wir stehen mitten darin. Es handelt sich hierbei auch nicht um ein moralisches Problem, sondern – wie gesagt – um eine Überlebensnotwendigkeit. Dieser wäre es bestimmt dienlich, wenn Menschen oder auch Institutionen, Medien etc., die bis vor einiger Zeit die Energiewende abgelehnt und lächerlich gemacht haben und dies nun anders sehen, zu ihrer Meinungsänderung öffentlich stehen würden, statt sie unmerklich und dadurch auch weniger klar zu vollziehen. Es wäre der Sache ebenfalls dienlich, wenn sie die Größe aufbringen könnten, jenen Menschen, Organisationen, Institutionen etc., die seit Jahrzehnten auf den Klimawandel und die notwendige Energiewende aufmerksam machen, eine gewisse Anerkennung zu zollen. Nicht, weil jene nun auch mal gern auf einem Sockel sitzen würden, sondern weil es vielleicht einfach „sachdienlich“ wäre, ihnen in Zukunft etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Viele Grüße,
Christfried
10.8.2019

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1 Gedanke zu “„Endlich Beton“”

  1. In dem Artikel wird sinngemäß bemängelt, dass Naturschützer meinen, dass jedes verhinderte Windrad ein Erfolg für den Naturschutz sei. Dabei ist die Sache ganz einfach. Schon seit Paracelsius wissen wir, das die Dosis das Gift macht. Das heißt zu viele Windräder sind für den Schutz der Biologischen Vielfalt nicht gut. Was bei dem Klimaschutz und bei der Energiewende oft vergessen wird ist, dass das Energiesparen die wichtigste Aufgabe noch vor dem Ersatz der fossilen Energiequellen ist. Gegenwärtig decken wir in der BRD ca. 40 Prozent des Strombedarfs durch alternative Energien. Der Strombedarf macht aber etwa nur ein Drittel unseres gegenwärtigen Energieverbrauchs aus. Das bedeutet, dass wenn wir nur auf den Quellenersatz setzen würden, die Erzeugung der alternativen Energien etwa um den Faktor sieben vermehren müssten. Dabei stellt die Werbung der alternativen Energien schon heute einen beträchtlichen, zum Klimawandel und anderen Eingriffen zusätzlichen Eingriff in das Ökosystem dar. Man denke an die „Vermaisung der Landschaft“, die Verriegelung der Flüsse, die Rodung der tropischen Regenwälder für Ölpalmen-Plantagen und die Eingriffe mittlerweile in Wälder für Windkraftanlagen. Der Klimaschutz ist nicht die oberste Zielstellung, sondern die Herstellung und der Erhalt des guten Zustandes der Biologischen Vielfalt einschließlich des Menschen. Dazu dienen neben dem Klimaschutz, auch der Gewässer- und der Bodenschutz, also insgesamt der Biotopschutz, das heißt die Entwicklung der Permakultur auf der Grundlage der sozialen Gerechtigkeit. Das wäre Naturschutz.

    Kommen wir z. B. zum geliebten Hassobjekt „Auto“. Viele Menschen (sollen) denken mit der sogenannten Elektromobilität – gemeint scheint auschließlich der Gebrauch von elektrisch getriebenen PKW zu sein – würden wir dem Klimaschutz und damit quasi dem Schutz der Biologischen Vielfalt im Verkehrssektor Genüge tun. Dabei ist auch ein elektrisch getriebener PKW etwa 100 Mal so schwer, wie ein Fahrrad, und er transportiert meist auch nur eine Person. Das Auto bewegt dabei die Person fast ausschließlich mit Fremdenergie, wärend der Fahrer ungesund zunehmend nur sitzt. Würde man die große deutsche PKW-Flotte einfach nur durch elektrisch betriebene PKW ersetzen, müsste die Werbung von alternativen Energien allein dafür erheblich ausgebaut werden. Zu diesem großen Eingriff in das Ökosystem käme hinzu, dass der große bestehende vergegenständlichte Eingriff, in Form versiegelter und zerschnittener Landschaftsteile Bestand behalten müsste.

    Der durchschnittliche ökologische Fußabdruck der Deutschen soll etwa 3,x mal so groß sein, wie er für eine nachhaltige Zukunftsfähigkeit sein dürfte. Das bezieht sich in erster Linie auf den Verbrauch der alles bewegenden Energie. Um nachhaltig zukunftsfähig zu leben, müssten wir unseren Energieverbrauch daher um mindestens das 3,x fache verringern. Die dann noch fehlende Energie aus alternativen Quellen sollte durch den Aubau der Fotovoltaik und durch das Repowering von Windkraftanlagen geworben werden. Dabei sollte aus Gründen des Schutzes der Biologischen Vielfalt die Zahl der Windkraftanlagen, die Fläche für den Anbau von Energie-Biomasse und die Zahl der Wasserkraftwerke gegenüber dem heutigen Bestand eher sinken.

    Wegen der Konkurrenz von Tank, Teller und dem Schutz der Biologischen Vielfalt und wegen dem Erfordernis des Umbaus der Landwirtschaft zu einer ökologisch betriebenen Landwirtschaft muss der Anbau von Energie-Biomasse gegen Null sinken. Die Verriegelung der Flüsse für die Wasserkraftnutzung widerspricht schon heute der Wasserrahmenrichtlinie der EU. Dies bekräftigt das Erfordernis des Repowering und des Ausbaus der Fotovoltaik in den Grenzen der Belastbarkeit des globalen Ökosystems. Wie oben schon angedeutet, ist der gute Zustand der Biologischen Vielfalt der wichtigtse Indikator für das Erreichen dieses Ziels.

    Mit freundlichem Gruß

    Andreas Ratsch

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