Entwicklung CO2 on der Atmosphäre

Das Ende der 1,5°C-Illusion

Die Geschwindigkeit des Klimawandels überschreitet die Annahmen der Wissenschaft, die in die Festlegung der Klimaziele von Paris 2015 eingeflossen sind. Die Schlussfolgerung der aktuellen Entwicklung liegt auf der Hand: Das Ziel, die globale Temperaturerhöhung auf 1,5°C zu begrenzen, ist nicht mehr zu erreichen.

In einem Nebensatz ließ der Klimaforscher Will Steffen in seinem Vortrag (siehe unten: Link zum Youtube-Video) in Byron Bay, New South Wales, Australien, die Anmerkung fallen, dass nur noch wenige Wissenschaftler an eine Einhaltung des 1,5°C-Ziels bei der Globalen Temperaturerhöhung glauben würden. Dieser Vortrag stammt aus dem Jahr 2018. Seither haben Australien und der Amazonas gebrannt, C02-Konzentrationen und Weiterereignisse hetzen von Rekord zu Rekord und ein Absinken der Treibhausgasemissionen ist nicht in Sicht.

In einem Essay für den SPIEGEL1) ...weiter lesen legte der Klimaforscher Stefan Rahmstorf dar, unter welchen Bedingungen das ambitionierte Klimaziel überhaupt noch zu erreichen wäre:

„… die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad ist nur noch mit einer politisch-ökonomischen Wende hin zu wirklich entschlossenem Klimaschutz (also einem sozialen Kipppunkt2) ...weiter lesen und einer guten Portion Glück zu schaffen.“

Rahmstorf weist in seinem Artikel insbesondere auf die Kipppunkte im Klimasystem hin, die selbst bei einer globalen Temperaturerhöhung von 2°C erreicht würden. Damit ist nicht sichergestellt, ob die Reduktionsvereinbarungen von Paris – sofern sie auch eingehalten werden – tatsächlich auch zu einem Stopp der Temperaturerhöhung führen könnten.

Kippelemente des Klimasystems und ihr Zusammenhang mit der Erderwärmung
Kippelemente des Klimasystems und ihr Zusammenhang mit der Erderwärmung. Der Temperaturbereich, in dem der jeweilige Kipppunkt liegt, ist als Säule dargestellt. Dabei steht WAIS für Westantarktisches Eisschild, THC für thermohaline Zirkulation, ENSO für El Niño-Southern Oscillation und EAIS für Ostantarktisches Eisschild. Die untere Kurve bildet den Temperaturverlauf der letzten 22.000 Jahre ab und die Erderwärmung, die aus vier verschiedenen Szenarien (RCP steht für Representative Concentration Pathway), mit denen die Klimaforscher arbeiten, ergibt. Quelle: http://www.oekosystem-erde.de/html/klimalosung.html

Die CO2-Uhr des Mercator Reserach Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) zeigt an, wie viel CO2 zum erreichen eines 2°- buw. 1,5°-Ziels noch in die Atmosphäre abgegeben werden darf. Im Einklang mit dem jüngsten Sonderbericht des Weltklimarats (IPCC) über „1,5 Grad Celsius globale Erwärmung“3) Link zum IPCC-Bericht wurde der Countdown auf den neusten Stand gebracht.

Um das 1,5°C-Ziel mit einer Wahrscheinlichkeit von 66% zu halten, dürfen wir stand heute noch max. 329 Milliarden Tonnen CO2 in der Atmosphäre deponieren. Bleiben die Emissionszahlen auf dem unverändert hohen Niveau, ist dieses Rest-Budget in sieben Jahren und neun Monaten aufgebraucht.

Im Februar 2020 veröffentlichte Matt Reynolds unter der Überschrift „It’s time to say goodbye to our most ambitious climate target ever“4)https://www.wired.co.uk/article/climate-crisis-temperature-target-paris-agreement die nüchterne Wahrheit:

„We have already failed. To stay below 1,5 degrees of warming, global greenhouse gas emissions need to fall by 7.6 per cent5)https://news.un.org/en/story/2019/11/1052171 every year until 2030. Instead, they are projected to keep on rising.“

Reynolds führt aus, dass es im Prinzip technisch möglich wäre, die Grenze einzuhalten. Dann müssten aber sofort weltweit einschneidende Maßnahmen einsetzen und eine Vielzahl von richtigen Entscheidungen getroffen werden. Gegen diese optimistische Sichtweise spricht schlichtweg die Alltagserfahrung aus den vergangenen Jahrzehnten zum Thema Klimaschutz.

Vor diesem Hintergrund kommt der jährliche ZERO IN-Bericht6)https://constrain-eu.org/assets/docs/CONSTRAIN-Zero%20In%20On%20The%20Remaining%20Carbon%20Budget%20&%20Decadal%20Warming%20Rates-Full.pdf der CONSTRAIN-Forschungsgruppe7)https://constrain-eu.org/ zu einem erschreckenden Ergebnis: Das verbleibende Restbudget muss noch einmal um 100 Milliarden Tonnen CO2 abgesenkt werden. Damit bleiben der Menschheit stand heute nur noch 235 Milliarden Tonnen CO2, bevor die kritische Grenze für eine Temperaturerhöhung von 1,5°C überschritten ist.

Was kommt nach 1,5°C Temperaturerhöhung?

Mit diesem neuesten Wissensstand steht die Klimaschutzbewegung vor der Frage, wie man mit dem verheerenden Ausblick weiter umgehen soll. Immerhin sind zahlreiche Kampagnen für den Klimaschutz weltweit auf die Einhaltung dieses Ziels ausgerichtet. Reynolds verweist auf den IPCC-Report von 20188)https://www.wri.org/blog/2018/10/half-degree-and-world-apart-difference-climate-impacts-between-15-c-and-2-c-warming und rechnet vor, was die Erhöhung von 0.5°C – also von 1,5°C auf 2°C Temperaturerhöhung bedeuten würde:

  • Verdopplung des Verlusts von Pflanzen und Wirbeltieren
  • 2.6 mal mehr Menschen werden unter extremer Hitze leiden
  • Meeresanstieg um 6 cm zusätzlich.

Reynolds fordert, sich von konkreten Temperaturzielen zu verabschieden, und den Prozess des Klimawandels zu betrachten.

„Every time we fail to reduce emissions we take another step upwards – towards a world with more climate refugees, less biodiversity and more extreme weather.“
Matt Reynolds

Entscheidend für eine neue Strategie in der Klimaschutzbewegung ist die Klimaneutralität. Die Emissionen von Treibhausgasen müssen rasch auf Netto-Null sinken. Dabei hat jeder Flughafen, jedes Kaufhaus, jede Straße, jedes Eigenheim einen Einfluss auf das Klima. Es geht dabei um jede Tonne CO2, die vermieden werden kann. Denn jede hat das Potential, das Leid auf diesem Planeten zu verringern.

Jürgen Kinschner

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Fußnoten   [ + ]

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