Antirassis­mus in der Klima­bewegung

Inter­sektio­nalität, Teil­habe und Chancen­gleichheit1

4 Hände unterschiedlicher Hautfarbe vereintWelche Barrieren existieren für eine Teilnahme in der Klima­bewegung? Was hat es für Konse­quenzen, wenn es einen Mangel an Diversität in klima­politischen Gruppie­rungen gibt? Und wieso wirkt die deutsche Klima­bewegung so weiß?

In diesem Artikel wollen wir das Thema Chancen­gleichheit und Privilegien in der Energie­bewegung ansprechen: Denn hier haben wir in der deutschen Klima­bewegung noch viel Verbes­serungs­potential! Denn eins ist klar: ohne Anti­rassismus in der Klima­bewegung wird es keine Klima­gerechtigkeit geben.

Immer noch gilt, dass die Klimabewegung männlich, weiß und akademisch dominiert ist – und so einen Großteil der Bevölkerung ausschließt (EIGE, 2019). Doch eine schnelle und dezentrale Energiewende funktioniert nur, wenn die gesamte Gesellschaft sich daran beteiligen kann.

Als Akteur*innen beim Klimaschutz werden in aller Regel Weiße medial repräsentiert. Beispielhaft für mangelnde Repräsentation migrantischer Stimmen können die Fridays for Future Bewegung und Extinction Rebellion genannt werden. In Davos wurde die ugandische Fridays for Future-Aktivistin Vanessa Nakate aus einem Foto geschnitten. Die Fotoagentur veröffentlichte ein Bild nur mit den weißen Aktivistinnen (Hoffmann 2020). Tonny Nowshin Datteln 4Dieselbe Unsichtbarmachung widerfuhr auch Tonny Nowshin, einer Ökonomin, Wissen­schaft­lerin, Klima­gerechtig­keits- und Post­wachs­tums­aktivistin und Woman of Color – dieses Mal jedoch durch Mitstrei­ter*innen aus der Klima­bewegung von Green­peace. (Nowshin, 2020)

Durch jede dieser, wenn auch unbe­wussten Hand­lungen, werden nicht nur Schwarze, Indigene und People of Color unsichtbar gemacht, sondern auch ihr Protest und Wirken in der Klima­bewegung.

Eine eurozentrische Herangehensweise tritt auch beim Klimaaktivismus hervor, wenn Akteur*innen des Globalen Nordens das Anliegen verfolgen, Menschen aus dem Globalen Süden zu vermitteln, wie natürliche Ressourcen geschützt und erhalten werden können. Dabei kommen eine bevormundende Geste des Helfens und eine zugeschriebene passive Opfer-Rolle zum Tragen. Dabei wird ausgeblendet, dass Länder des globalen Südens durch europäischen Kolonialismus ausgebeutet wurden, und dadurch erst ökologische Krisen sowie Abhängigkeitsverhältnisse entstanden sind. (Freieck, 2021)

“Wie viele wissen, dass Vanessa Nakate monatelang allein vor Ugandas Parlament gestreikt hat? Wie viele wissen, dass sie zwei Jugendbewegungen auf dem afrikanischen Kontinent gegründet hat?”
– Tonny Nowshin

Außer Acht gelassen wird zudem, dass Aktivist*innen in Ländern des globalen Südens selbst klimapolitisch aktiv sind, und dass sie als Akteur*innen mit Handlungsmacht und langjähriger Praxis im Bereich Klima und Umweltschutz nicht dargestellt werden. Zum Beispiel wird das plastikfreie Einkaufen von einer kleinen Gruppe Umweltbewusster als Zero Waste Lifestyle praktiziert. Dabei hat es auf den Märkten in Nordafrika, dem Nahen Osten, Südasien und auch Europa lange keine Wegwerfartikel gegeben. 1961 wurden die ersten Plastiktüten in Deutschland für den regulären Einkauf ausgegeben und schwemmten danach global die Märkte – und die Ozeane. Inzwischen sind Plastiktüten in 34 von 54 afrikanischen Staaten weitestgehend oder gänzlich verboten sind, während die Plastiklobby weiterhin großen Einfluss in der Europäischen Union ausübt (Patton, 2019). (Amjahid, 2021)

“Wie viele wissen, dass Vanessa Nakate monatelang allein vor Ugandas Parlament gestreikt hat? Wie viele wissen, dass sie zwei Jugendbewegungen (Youth for Future Africa sowie Rise Up Movement) auf dem afrikanischen Kontinent gegründet hat?”

fragt Tonny Nowshin entsprechend in einem Beitrag. Auch die Arbeit von Nowshin rückte durch ihre Unsichtbarmachung in den Hintergrund. Dabei ist sie seit 2018 in der Klimabewegung aktiv und organisierte zahlreiche Proteste für die Erhaltung der Sundarbans, einer der größten Mangrovenwälder der Welt. Dieses “Übersehen” resultiere daraus, dass die Klimabewegung und auch die Medien, die darüber berichten, weiterhin weiß dominiert sind, sowie nicht ausreichend reflektiert gegenüber den eigenen weißen Privilegien.

“Manche von ihnen wollen den Planeten retten, weil seine Ausbeutung einen Punkt erreicht hat, an dem es auch für sie in ihren alten Lebensstilen unbequem wird.”

konstatiert Nowshin. Reproduktion von rassistischen Strukturen und deren Auswirkungen in lokalen Ortsgruppen sowie auf globaler Ebene muss daher unbedingt reflektiert und ihr entgegengewirkt werden. Jedoch sollte dies nicht nur unter Weißen, sondern mit der “Unterstützung Schwarzer Expert*innen of Color geschehen, die zum Thema Rassismus und Klima tätig sind“, und die für ihre Bildungsarbeit auch angemessen entlohnt werden, so Sarah Shiferaw. „Sie sind bisher deutlich unterrepräsentiert oder gar nicht einbezogen.“ (Schwarz, 2020)

Sind die Mitglieder einer aktivistischen Gruppe mehrheitlich aus der weißen Mittelschicht, drängt sich die Frage auf, warum andere Gruppen sich nicht angesprochen fühlen oder keinen Zugang finden. Ein Grund dafür liegt in der Beteiligungsstruktur, denn hier gibt es gerade für nicht-akademische oder BIPOCs viele Hürden. Zum Beispiel sei FFF

“nicht anschlussfähig … für BIPoC/migrantische Personen. Die Bewegung ist durch und durch weiß geprägt: von der Art zu sprechen, von den Orten, wo sich getroffen wird, zum akademischen Bildungsgrad, dem sozialen Standard und vielem mehr. Dies führt dazu, dass viele BIPoC/migrantische Menschen, die oftmals eine ganz andere Lebensrealität, andere kulturelle Hintergründe haben, sich unwohl in der Bewegung fühlen, und keinen Anschluss finden können – weder an die Menschen noch an die Bewegung an sich. Und natürlich spielen die unterbewussten Rassismen vieler Menschen auch eine große Rolle, doch dies ist eher ein grundsätzliches Problem, als ein strukturelles von FFF”,

fasst Aktivist Asuka Kähler treffend zusammen. Dies gilt nicht nur für FFF, auch Ende Gelände und Extinction Rebellion (Bihi 2020, Gayle 2019) haben Erfahrungen mit unerkanntem und unreflektierten Rassismus gemacht – und befinden sich nun im kollektiven Lernprozess. Auch bei unseren Veranstaltungen und Publikationen, dem Solarbrief sowie unserer Website, sind kaum nicht-weiße Mitglieder, Autor*innen oder Gäste vertreten. Denn auch wir interagieren in dieser klimapolitischen Blase, die mehrheitlich weiß geprägt ist.

Wie Klimaaktivistin Nowshin und Antirassismustrainerin Shiferaw zusammenfassen, ist eine inklusive und diverse Ausrichtung der Gruppierungen wichtig, um Platz zu schaffen für nicht-weiße Stimmen. Zudem ist eine Auseinandersetzung mit eigenen Privilegien, Machtverhältnissen und Rassismen relevant. So kann eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe mit migrantischen Perspektiven stattfinden. Wie wir im vorigen Artikel in Bezug auf Männer und Frauen festgestellt haben, ist stets die Machtverteilung von Relevanz – Frauen sowie migrantische Menschen sollten nicht nur Teil einer Bewegung, sondern auch in Entscheidungspositionen fest verankert sein. Schließlich sollten rassistische Strukturen anerkannt und mitgedacht werden, bei der Planung von Konzepten sowie Aktionen, durch die BIPoC ausgeschlossen werden könnten. (Heinrich, 2020)Dazu hat die Klima-Allianz Deutschland in der Publikation Empowerment von MigrantInnen und Geringverdienenden zum Umwelt- und Klimaschutz Befragungen mit migrantischen Gruppen und Geringverdienenden durchgeführt und auf dieser Grundlage einen Leitfaden für die Gestaltung aktivierender Maßnahmen erstellt (Nies et al., 2015).

Zudem ist die Klima-Allianz Deutschland in Kooperation mit dem muslimischen Umweltschutzverein NourEnergy e.V., der sich “für die Förderung des Umweltschutzes und für eine Verbesserung der Lebensqualität” engagiert. Der gemeinnützige Verein fördert Erneuerbare Energien und mit Vorträgen, Workshops und Seminaren Muslime aller Generation für einen bewussteren Umgang mit der Umwelt und Konsum sensibilisiert. Eines der Schwerpunktprojekte ist die Kampagne Green Iftar. Angefangen vor 5 Jahren mit dem Verzicht auf Plastik im Ramadan, geht es inzwischen um “ein Fastenbrechen mit nachhaltigen Lebensmitteln, sparsamer Wassernutzung, fairem Konsum, regionalem Wirtschaften und noch viel mehr.” Der Verein berät unabhängig und bietet ehrenamtliche Projektbegleitung zu Erneuerbaren Energien und Nachhaltigkeit, so konnten mit Photovoltaikanlagen auf zwei Moscheen seit 2012 über 200.000 kg CO2 eingespart werden.Wir nehmen als Erkenntnis mit: In der deutschen Klimabewegung bedarf es an Aufklärungsarbeit und gezielten Maßnahmen zur Integration diverser gesellschaftlicher Gruppen, die energiepolitisch aktiv sein möchten und Repräsentanz sowie Unterstützung derer, die es bereits sind. Auf internationaler Ebene muss eine verpflichtende Unterstützung stärker betroffener und ärmerer Länder von Seiten reicher Länder sichergestellt werden.

Wir müssen erkennen, dass die Themen Rassismus und Klimakrise miteinander verbunden sind (Nowshin, 2020). Deswegen gilt umso mehr: die Energiewende braucht eine intersektionale Bewegung! Denn nur gemeinsam können wir die Klimakrise bewältigen.

Ezgi Arat2
30.06.2021

Quellen, Literatur

„Vereinte Hände“ von truthseeker08 © CC0 Pixabay
Das Bild von Tonny Nowshin mit ihrer freundlichen Genehmigung.

 


  1. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des SFV;
    Quelle: https://sfv.de/antirassismus-in-der-klimabewegung 

  2. Ezgi Arat ist seit Mai 2020 als Hilfswissenschaftlerin beim SFV tätig und unterstützt bei der Öffentlichkeitsarbeit. Sie studiert Umweltverfahrenstechnik, M.Sc. an der RWTH Aachen und ist im Rhizom 115 e.V. sowie Technik ohne Grenzen e.V. aktiv. 

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