Bündnis „Gipfel für globale Solidarität“

G20-Alternativgipfel findet breiten Zuspruch in Hamburg

Pressemitteilung, Hamburg, 9. Mai 2017

Stimmen aus Kirche, Kultur- und Musikszene für Treffen der Zivilgesellschaft
Band Tocotronic: „Brauchen gegenseitige Solidarität“

Immer mehr Menschen in Hamburg – Einzelpersonen, Kirchengemeinden, Kulturschaffende, Musikerinnen und Musiker – unterstützen den G20-Alternativgipfel am 5. und 6. Juli in der Stadt. Der „Gipfel für globale Solidarität“ spiegelt die verbreitete und berechtigte Kritik am G20-Treffen wider. Dieses stößt überall in Hamburg auf Vorbehalte – nicht nur wegen der Entscheidung, das Treffen der Staats- und Regierungschefs der 19 wirtschaftsstärksten Länder sowie der EU mitten in der Stadt stattfinden zu lassen. Damit wird das öffentliche Leben massiv beeinträchtigt. Auch die Folgen der neoliberalen Politik, für die die G20 verantwortlich zeichnen, sorgen in der Zivilgesellschaft für Unmut.

Sonja Engler, Geschäftsführerin des Barmbeker Kulturzentrums Zinnschmelze, sieht einen Zusammenhang des Protests gegen die G20 mit ihrer Arbeit in der Stadt:

„Als Stadtteilkulturzentrum verfolgt die Zinnschmelze das Ziel, die demokratische und kulturelle Vielfalt unseres Gemeinwesens zu fördern und die gesellschaftliche Teilhabe breiter Bevölkerungsschichten zu ermöglichen. Wir unterstützen den zivilgesellschaftlichen Diskurs zum G20-Gipfel in Hamburg und die Durchführung eines Alternativgipfels für globale Solidarität, da weltweite Teilhabegerechtigkeit, Lebensqualität und kulturelle Vielfalt im Zusammenhang mit unseren Zielen vor Ort stehen.“

Matthias Liberman, Pastor der Kirchengemeinde Winterhude-Uhlenhorst, hebt das Recht auf freie Meinungsäußerung hervor:

„Ich unterstütze den Gipfel für globale Solidarität. In einem demokratischen Rechtsstaat muss eine friedliche und öffentliche Meinungsäußerung gewollt und möglich sein und überall da, wo die Stimme gegen Ungerechtigkeit in der Welt erhoben wird, stimme ich gern und aus Überzeugung in diesen Chor mit ein.“

Auch die bekannte Hamburger Band Tocotronic hält die Debatte über Alternativen angesichts der zunehmenden globalen und innergesellschaftlichen Ungleichheit für dringend notwendig:

„Wir unterstützen den Gipfel für globale Solidarität. Denn: Wenn Verstörung uns umweht, brauchen wir gegenseitige Solidarität.“

Als Teil des zivilgesellschaftlichen Protests gegen das kommende G20-Treffen bietet der „Gipfel für globale Solidarität“ ein öffentliches Forum, das im Gegensatz zum Staatengipfel für alle zugänglich ist. Auf Podien und Workshops wollen die Teilnehmenden des Alternativgipfels drängende Fragen nach einer solidarischen, friedlichen, demokratischen und ökologischen Entwicklung diskutieren und gerechte Lösungswege aufzeigen.


Der Gipfel für globale Solidarität ist der Alternativgipfel zum G20-Treffen in Hamburg. Er wird von über 65 lokalen, nationalen und internationalen Initiativen und Organisationen unterstützt und findet am 5. und 6. Juli auf dem Gelände der Kulturfabrik Kampnagel statt. Weiterführende Informationen zum Alternativgipfel und zum umfangreichen Programm finden Sie unter: www.solidarity-summit.org

Gerne stehen wir für Hintergrundgespräche und Interviews zur Verfügung. Für Anfragen wenden Sie sich bitte an presse@solidarity-summit.org oder telefonisch an Jana Mattert, +49 (0)179 178 44 91

„NoG20 Klima Aktion“

In den letzten Monaten hat sich eine neue Klimaakteurin geformt, die beim G20-Gipfel klar und deutlich den Konflikt zum Ausdruck bringen wird, der nicht nur mit einzelnen Regierenden, sondern mit dem herrschenden System als Ganzes besteht.

Die Gruppe der „NoG20 Klima Aktion“ will nicht tatenlos zusehen, wie besonders mit fossilen Energien weiterhin Profite auf Kosten von alltäglicher Zerstörung von Lebensgrundlagen gemacht wird. Deshalb wollen sie am 7. Juli gemeinsam unter dem Motto „G20 den Stecker ziehen – Kapitalismus überwinden, Klimawandel stoppen!“ an den Ort gehen, wo sich kapitalistischer Welthandel und klimaschädliche Infrastruktur räumlich besonders konzentriert: den Hamburger Hafen.

Die Gruppe schreibt auf ihrer Internetseite (https://nog20klima.wordpress.com/aktionsbild/):

Wir wollen gemeinsam mit vielen Menschen in einer Massenaktion während des G20-Gipfels in Hamburg für Klimagerechtigkeit eintreten.

Während der Aktion wollen wir eine Situation schaffen, die für alle Aktionsteilnehmer*innen transparent ist und in der die daran Beteiligten solidarisch aufeinander achten und sich gegenseitig unterstützen. 

Um an den Aktionsort zu kommen, werden wir ggf. gemeinsam Polizeiabsperrungen überwinden, umgehen oder durch sie hindurchfließen. Auch Zäune und ähnliche Hindernisse werden uns nicht stoppen. 

Ziel unserer Aktion ist es, in die laufende Klimaschädigung störend einzugreifen. Es ist nicht unser Ziel, die Polizei zu gefährden. Wir werden durch körperschützende Materialien, wie Luftmatratzen, Polster, Visiere oder Planen unseren Anspruch auf körperliche Unversehrtheit wahren. Unser wichtigster Schutz ist die massenhafte Beteiligung, unsere Vielfalt und Entschlossenheit. Wir bleiben so lange am Aktionsort wie wir wollen.

Wenn sich die Möglichkeit ergibt, können Gruppen mit eigenen Ideen die Aktion weiter ausgestalten. Dabei nehmen sie Rücksicht auf die Sicherheit der Gesamtgruppe und bewegen sich im Rahmen des Aktionsbildes.

Es gibt keinen Platz für Rassismus, Sexismus, Rechtspopulismus, Antisemitismus, Islamophobie sowie sämtlichen andere Formen der Unterdrückung. Wir freuen uns über alle Aktionen mit emanzipatorischem Anspruch und sehen keine Veranlassung, uns von solchen Aktionsformen zu distanzieren.

Bereitet Euch gut auf die Aktion vor, schmiedet kreative Pläne, wie Ihr Eure Ablehnung von Kapitalismus und sozial-ökologischer Zerstörung zum Ausdruck bringen wollt. 
Nehmt euch ein paar Tage länger Zeit, bildet Bezugsgruppen und nehmt an Aktionstrainings teil.

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Im Kampf gegen CETA und TTIP nicht nachlassen

Pressemitteilung, DIE LINKE. NRW, 15.2.2017

Grafik mit Abstimmungsverhalten
Abstimmung der deutschen EU-Parlamentarier

Anlässlich der heutigen Zustimmung des Europaparlaments zu dem zwischen der EU und Kanada verhandelten Handelsabkommen CETA, erklärt Özlem Alev Demirel, Landessprecherin der Linken in NRW und deren Spitzenkandidatin zur anstehenden Landtagswahl:

„Die Zustimmung zu CETA durch das EU-Parlament ist ein Schlag ins Gesicht der vielen Kritikerinnen und Kritiker dieses Abkommens. Mit ihrer Unterstützung dieses neoliberalen Abkommens handeln vor allem die NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und der SPD-Spitzenkandidat zur Bundestagswahl, Martin Schulz, klar gegen die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung nicht nur in NRW. Im Gegensatz zu ihnen steht die Linke für den Ausbau sozialer und ökologischer Standards und nicht für deren Abbau und zugleich an der Seite von Gewerkschaften, Demokratieinitiativen und Sozialverbänden.

Die Wirkung dieses Abkommens wird auch in NRW auf allen Ebenen zu spüren sein. Während sich internationale Konzerne Vorteile versprechen, werden Beschäftigte Nachteile haben. Deren Arbeitsbedingungen drohen sich weiter zu verschlechtern. Das Abkommen verstärkt die soziale Ungleichheit. Würde die SPD es wirklich ernst damit meinen, wieder Politik für die ‚hart arbeitenden Menschen‘ machen zu wollen, hätte sie sich niemals für CETA stark machen dürfen.
Ungeachtet des heutigen Beschlusses, wird Die Linke daher auch weiterhin gegen CETA und auch TTIP kämpfen. Wir unterstützen nicht nur die Proteste auf der Straße und den von der ‚Volksinitiative gegen CETA und TTIP‘ geplanten Aktionstag am 1. April, sondern werden infolge der Landtagswahl im Mai umgehend auch parlamentarisch gegen CETA aktiv werden. Wir werden uns dafür stark machen, dass NRW im Bundesrat gegen CETA stimmen wird“,

so Demirel. Die Delegation der Linken im Europaparlament veröffentlichte vor Kurzem die Studie „CETA und TTIP an Rhein und Ruhr – Was droht Nordrhein-Westfalen und seinen Kommunen durch die transatlantischen Handelsabkommen?“, die der Handelsexperte Thomas Fritz verfasst hat. Darin warnt der Autor vor den Folgen, die CETA und TTIP für NRW hätten.
Die Studie kann hier heruntergeladen werden: https://www.fabio-de-masi.de/de/article/1231.pr%C3%A4sentation-zur-studie-ceta-und-ttip-an-rhein-und-ruhr.html

Weitere Informationen: Volksinitiative „NRW gegen CETA & TTIP“: www.nrw-gegen-ceta.de

Freundliche Grüße
Jasper Prigge
Pressesprecher DIE LINKE.
NRW DIE LINKE. Nordrhein-Westfalen
Alt Pempelfort 15
40211 Düsseldorf
Mobil: 0152-53881513
E-Mail: jasper.prigge@dielinke-nrw.de

Globale Ungleichheit bekämpfen: Attac mobilisiert zu G20-Gipfel in Hamburg

Der Widerstand gegen CETA, TTIP; TiSA und Co. geht auch 2017 weiter.

Gegenaktivitäten zum G20-Gipfel am 7. und 8. Juli in Hamburg sowie der weitere Widerstand gegen CETA, TTIP und andere Freihandelsabkommen werden im kommenden Jahr Schwerpunkte des Engagements von Attac Deutschland bilden. Das haben die Aktiven des globalisierungskritischen Netzwerkes bei ihrem Ratschlag am Wochenende in Frankfurt am Main beschlossen.

„Die Welt ist aus den Fugen – wer sie ändern will, braucht neue Ideen, nicht die alten Rezepte. Die G20 steht für eine Fortsetzung der Standortkonkurrenz, die Wettbewerbsfähigkeit durch Lohn- und Sozialdumping erkauft und damit die soziale Ungleichheit weltweit weiter verschärft – eine zentrale Ursache der weltweiten Krisen“,

sagt Thomas Eberhardt-Köster vom bundesweiten Attac-Koordinierungskreis.

„Wir werden den G20-Gipfel in Hamburg als Kristallisationspunkt nutzen, um den solidarischen Pol dieser Gesellschaft sichtbar zu machen und unsere Vorschläge für eine gerechte Weltwirtschaft in die Öffentlichkeit zu tragen.“

„Globale Ungleichheit bekämpfen: Attac mobilisiert zu G20-Gipfel in Hamburg“ weiterlesen

Rat für Nachhaltige Entwicklung kritisiert EU-Kommission für geheime Verhandlungen

Der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) ist ein von der Bundesregierung berufenes Beratungsgremium. Auf seiner Webseite kritisiert er:

EU-Kommission verspricht Transparenz und handelt geheim

„EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström veröffentlicht einige Verhandlungstexte zum transatlantischen Freihandelsabkommen TTIP zwischen der EU und den USA. Ein bisher geheim gehaltenes Papier zu gegenseitigen Mitspracherechten bei der Gesetzgebung ruft jedoch Kritik hervor. Die Auswirkungen auf Entwicklungsländer hat das ifo-Institut untersucht. Verbraucherschützer beharren auf hohen Standards.“

weiter lesen

Das, was der RNE aufführt ist alles nicht neu. Es ist auch kein Rat an die Regierung, sondern eher eine Auflistung der Argumente von Befürwortern und Kritikern der Freihandelsabkommen. Es bleibt anzuwarten, ob die Tatsache, dass ein von der Regierung berufenes Gremium Kritik übt, am Handeln der Regierung etwas ändert.

Drei Mythen über den globalen Freihandel

Aus aktuellem Anlass – der Diskussion um das TTIP – veröffentlichen wir hier einen Artikel von Maria Mies, welcher bereits 2002 in der Tarantel (Hefte 16 und 17) erschien.
(Der Beitrag wurde eingescannt; kleinere Druckfehler bitten wir zu entschuldigen.)

Globaler Freihandel bringt dem „Globalen Dorf“ Frieden [1]

Es wird allgemein angenommen, dass Handel eine friedliche Angelegenheit ist, dass Handel und Krieg sich gegenseitig ausschließen und dass globaler Freihandel, zu so etwas wie dem „Ewigen Frieden“ im „Globalen Dorf“ führen werde. Die Theoretiker des neoliberalen Freihandels behaupten, dass durch „freien“ Welthandel, d.h. Handel der nicht von den Regierungen reguliert wird, ein „ebenes Spielfeld“ geschaffen würde, auf dem alle Spieler, große und kleine, friedlich miteinander konkurrieren könnten und dass so der größte Wohlstand für alle entstehen würde. Kriege, wie wir sie von früher kannten, würden der Vergangenheit angehören. Wenn wir jedoch einen kurzen Blick auf die Geschichte des globalen „Freihandels“ werfen und uns außerdem die Ergebnisse der neuen, neoliberalen Freihandelspolitik in den. letzten 15 Jahren ansehen, werden wir schnell eines Besseren belehrt. Polanyi hat schon 1944 nachgewiesen, dass der internationale „freie Markt“ sich nicht „natürlich“ aus dem freien Tauschhandel entwickelt hat, wie die Neoliberalen ständig behaupten, sondern dass er im 18. und 19. Jh. mit Gewalt vom englischen Kolonialstaat künstlich geschaffen wurde. Nach Polanyi hatte der Außenhandel ursprünglich mehr den Charakter von Piraterie, Raub und kriegerischer Eroberung als von friedlichem Tausch.(Polanyi 1944, dt. Übersetzung 1977, S.99) Noam Chomsky weist in seinem Buch über den Zusammenhang von Wirtschaft und Gewalt sehr ausführlich nach, dass die „Vormachtstellung Europas in der Welt“ ganz wesentlich auf dem Einsatz kriegerischer Gewalt beruht, und nicht auf irgendwelchen sozialen, moralischen oder natürlichen Vorzügen: Das erste globale Handelssystem der Welt entstand im Zusammenhang portugiesischer und später holländischer und britischer kolonialer Eroberungen. Im Unterschied zu den Portugiesen setzten die Holländer und die Engländer die Gewalt „eher auf selektive, ja rationale Weise ein. Sie wurde ausschließlich im und für den Handel eingesetzt… Den Schlussstrich zog immer die Bilanz“ (Pearson, Chomsky 1995 S.35). Chomsky zitiert den Historiker des englischen Kolonialaufstiegs John Brewer. Dieser schreibt, der englische Staat sei im 18. Jh zum „größten Wirtschaftsakteur geworden, der, „gemessen an der Fähigkeit, den Leuten das Geld wegzunehmen und Soldaten auf die Beine sowie Matrosen auf die Schiffe zu stellen“ alle europäischen Staaten übertroffen habe. Mehrere Historiker haben nachgewiesen, dass der Aufstieg des modernen Industriesystems, vor allem in England, auf der brutalsten Gewalt, vor allem gegen die kolonisierten Völker beruhte. Einer der bekannteren Fälle ist die Vernichtung der indischen Weber in Bengalen. Die hochentwickelten Textilien Bengalens waren in ganz Europa berühmt. 1757, im Jahr der Schlacht von Plassey, beschrieb Clive die Textilstadt Dhaka, die heutige Hauptstadt von Bangladesh, als „ausgedehnt, dichtbesiedelt und reich wie die City von London“. Diese blühende Textilindustrie sahen die englischen Textilmanufakteure und Händler als gefährliche Konkurrenz an. Der englische Staat erließ ein Importverbot für indische Stoffe und die bengalischen Weber wurden „mit Geldstrafen, Prügel, Einkerkerung, Erzwingung von Schuldscheinen usw.“ gezwungen, ihre eigene Baumwollindustrie aufzugeben und schließlich Fabrikware aus Manchester zu kaufen. Die Folgen waren eine unsägliche Verarmung der Bevölkerung, Hungersnot und tausende von Hungertoten. Der englische Historiker Trevelyan schrieb 1840, die Bevölkerung sei von 150 000 auf 30 000 gesunken, „der Dschungel und die Malaria breiten sich rasch aus Dacca, das indische Manchester, ist von einer blühenden zu einer kleinen, verarmten Stadt geworden.“ (Chomsky,a.a. 0. S.39). Drei Jahre nachdem sich England 1793 endgültig in Indien niedergelassen hatte, (Permanent Settlement) schrieb der Direktor der East India Company: „Die Armut ist in der Geschichte des Handels ohne Beispiel. Die Knochen der Baumwollspinner färben die indischen Ebenen weiß“. (zit. in Chomsky a.a.O S.41) Gleichzeitig wurde die bengalische Landwirtschaft auf Exportproduktion umgestellt. Anstatt für den eigenen Bedarf mussten die Bauern Indigo, Jute und auch Reis für, den internationalen Markt produzieren. Die erste Phase des vielgerühmten Freihandels war für die indischen Bauern gekennzeichnet durch direkte Gewalt, Hunger und Krankheit. In den Kolonien anderer Staaten sah,es nicht viel anders aus. Wenn wir an die Methoden denken, mit denen der US-amerikanische Kapitalismus aufgebaut wurde — Vernichtung der indigenen Völker Nordamerikas, Raub ihres Landes, Versklavung von Millionen westafrikanischer Menschen — dann erscheint diese Wirtschaftsweise, die heute schönfärbend „ freie Marktwirtschaft“ genannt wird, in einem anderen Licht.

Viele, auch Marx waren der Meinung, diese bluttriefenden Zeiten seien nur Teil der „Geburtsstunde“ des Kapitalismus, der „unter Blut und Tränen“ zur Welt gekommen sei. Marx war der Meinung, diese Periode der „ursprünglichen Akkumulation“ würde von der eigentlich kapitalistischen Akkumulation, der erweiterten Reproduktion des Kapitals abgelöst. Christel Neusüß fragte mit Recht, wieso denn eine „Geburtsstunde“ so lange dauern könne. (Neusüß 1985) Über 200 Jahre nach der Eroberung Indiens stellen wir fest, dass auch noch nach der politischen Entkolonisierung in den Ländern des Südens immer noch Zustände und Methoden der „ursprünglichen Akkumulation“ herrschen. „Drei Mythen über den globalen Freihandel“ weiterlesen

Spaltung der Gesellschaft fördert Zerstörung der menschlichen Zivilisation

Am 20. März 2014 hat das National Socio-Environmental Synthesis Center (SESYNC) auf seiner Internetseite eine Studie veröffentlicht mit dem Titel Human and Nature Dynamics (HANDY): Modeling Inequality and Use of Resources in the Collapse or Sustainability of Societies„. Forscher vom SESYNC, der Universität Maryland und der Universität Minnesota haben daran gearbeitet. Auch die NASA hat die Studie mitfinanziert. Sie wird in der Zeitschrift Ecological Economics veröffentlicht.

Die Forscher verwendeten ein vergleichsweise einfaches Rechenmodell, das auf der bereits seit etwa 90 Jahren bekannten Räuber-Beute-Beziehung („Lotka-Volterra-Gleichungen“) beruht. Bei geeigneten Anfangsbedingungen ergeben sich Schwankungen der Räuber- und der Beute-Populationen (Näheres siehe Wikipedia: „Räuber-Beute-Beziehung„). Wird jedoch die Räuber-Population zu groß, dann wird die gesamte Beute gefressen und beide Populationen brechen zusammen.

In der Studie sind die „Räuber“ die Menschen und die „Beute“ die natürlichen Ressourcen. Das benutzte Modell berücksichtigt jedoch zusätzlich zu dem klassischen den in der Geschichte angesammelten Reichtum, der zu einer verzögerten Reaktion der Population „Mensch“ führt (bzw. führen kann). Da jedoch die Verfügung über den Reichtum zwischen „Eliten“ und „Gemeinen“ ungleich verteilt ist, gibt es eine weitere Beziehung, bei der der akkumulierte Reichtum (der „Eliten“) die Basis für das längere Überleben (=“Beute“) der „Gemeinen“ ist, wenn die Ressourcen zu Ende gehen.

Mit den sich ergebenden vier Differentialgleichungen wurden verschiedene Szenarien mit folgenden Ergebnissen simuliert:

  • Szenarium1
    In einer nicht-egalitären Gesellschaft („Eliten“ und „Gemeine“) kann ein Kollaps der Zivilisation nur abgewendet werden durch drastische Reduktion der sozialen Spaltung bei gleichzeitiger Begrenzung des Bevölkerungswachstums unterhalb eines kritischen Wertes.
  • Szenarium2
    Auch eine egalitäre Gesellschaft (ohne Spaltung in Arm und Reich) kann durch Ressourcenübernutzung kollabieren.
  • Szenarium3
    Eine „faire“ Gesellschaft mit Arbeitern und Nicht-Arbeitern (Studenten, Pensionäre, Behinderte, Intellektuelle, Manager und andere Nicht-Produktive) kann einen Gleichgewichtszustand ohne Kollaps erreichen.
    Wird die Ressourcennutzung höher, können Schwankungen der Population der Arbeiter und Nicht-Arbeiter mit kurzzeitiger Ressourcenübernutzung auftreten, aber das System kann noch – bei geringerem Wohlstand und geringerer Bevölkerungszahl – stabilisiert werden (bzw. sich stabilisieren).
    Bei noch stärkerer Ressourcen(über-)nutzung treten größere und längere Zusammenbrüche auf, aus denen sich die Naturressourcen eventuell wieder erholen.

Hierbei ist zu beachten:

  1. Es handelt sich nicht um eine politisch oder moralisch motivierte Untersuchung, sondern um eine nüchterne wissenschaftliche Arbeit. Über die Art und Weise, wie sich die Population den verfügbaren Ressourcen anpasst oder angepasst wird, wird keinerlei Aussage getroffen. (Beispielsweise werden auch Hungersnöte mit Millionen Toten mit dem Modell erfasst.) Wenn von „Begrenzung des Bevölkerungswachstums“ die Rede ist, impliziert das irgendeine Form bewusster Steuerung (damit nicht die gesamte menschliche Zivilisation untergeht).
  2. Die Industrieländer verbrauchen bereits jetzt weit mehr, als weltweit nachwachsen kann. Da also die verfügbaren Ressourcen global übernutzt werden, gelten auch die Studienergebnisse global.
    Es ist zwar absolut notwendig, reicht aber nicht, die Schere zwischen Arm und Reich z.B. in Deutschland zu schließen – wir alle in Deutschland sind Teil dieser „Elite“ (im Weltmaßstab). Fatal ist, dass der vorhandene Reichtum dazu führt, dass diese „Elite“ die Umweltkatastrophen wesentlich schwächer und später verspürt, als z.B. die Menschen in Bangladesh, Afrika, … (s.o. „verzögerte Reaktion“).

Das ist auch der Grund, weshalb die soziale Spaltung weltweit drastisch reduziert werden muss, damit überhaupt noch eine Handlungsoption besteht (Szenarium1). Ich sehe keine politische Partei, die diese Thematik in der gebotenen Deutlichkeit thematisiert. Die Hoffnung darauf ist gering; die Ergebnisse der bisherigen Klimaverhandlungen bestätigen das (siehe „Klimakassandras“ in Tarantel 62, S. 15).

Dass „Eliten“ ihr Vermögen und ihre Bedürfnisse freiwillig auf ein global tragbares Niveau reduzieren, ist nicht zu erwarten;
diejenigen Staaten, die die Mittel hätten, um gegenzusteuern, verspüren selbst keinen Handlungsdruck;
Politiker denken in Wahlperioden und Wahlkreisen und
die Betroffenen des Globalen Südens haben keine Stimme bei der Wahl der „Eliten“-Politiker.

Damit ist nicht nur die kapitalistische Wirtschaftsordnung zu hinterfragen, sondern auch die gegenwärtige Form der Verfassung der Gesellschaft. Ob aber die Überschrift der Berliner Zeitung „Studie der Nasa: Zivilisation ist dem Untergang geweiht“ gerechtfertigt ist oder eher zur Resignation beiträgt und die Ursache verschleiert, ist eine andere Frage.

Wolfgang Borchardt
24.3.2014

Beiträge zur Umweltpolitik – Heft 16

Zukunftsgerechte Landwirtschaft in Deutschland

Deckblatt Zukunftsgerechte Landwirtschaft 94 Seiten
Autoren: Detlef Bimboes, Götz Brandt, Johanna Scheringer-Wright
1. Aufl. (01/2010, Mai 2011)
Hrsg.: Ökologische Plattform bei der Partei DIE LINKE, Bundesarbeitsgemeinschaft Agrarpolitik und ländlicher Raum beim Parteivorstand der Partei DIE LINKE; 2011

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel Inhalt Seite
Vorwort 5
1. Globale Herausforderungen für die Landwirtschaft 7
1.1. Die gesellschaftliche Entwicklung 7
1.2. Das Wachstum der Erdbevölkerung 8
1.3. Ökologische Gerechtigkeit in der Welt herstellen 10
1.4. Die Tragfähigkeit der Erde und der Agrarflächenbedarf 15
1.5. Die Gefahr der Bodendegradation 17
1.6. Die Auswirkungen des Klimawandels 18
1.7. Die Energieversorgung der Landwirtschaft 22
1.8. Die Versorgung mit Mineraldüngern 24
1.9. Die Versorgung mit Maschinen und Anlagen 28
1.10. Der Futtermittelimport und die industrielle Tierhaltung 29
1.11. Der Fischfang in den Weltmeeren 31
1.12. Der Import von Gemüse, Obst und Südfrüchten 33
1.13. Probleme künftiger Wasserversorgung für die Landwirtschaft 34
1.14. Probleme wachsender Brandgefahren für die Landwirtschaft 34
2. Landwirtschaft im Griff von kapitalistischer Agrarpolitik und Agrarmultis 36
2.1. Die Abhängigkeit von den Agrarmultis 36
2.2. Die Subventionierung der Landwirtschaft durch die EU 37
2.3. Das Hirngespinst von der Bekämpfung des Hungers durch „Grüne Revolution“ und Marktwirtschaft 41
3. Aufbruch in eine ökologische und zukunftsfähige Landwirtschaft. 44
3.1. Der zur Verfügung stehende Boden in Deutschland 44
3.2. Die Einrichtung der Landwirtschaft nach den Bedürfnissen einer gesunden Ernährung 46
3.3. Konventionell, integriert oder öko? 50
3.4. Welche Viehbestände sind für eine gesunde Ernährung notwendig? 53
3.5. Welche Hektarerträge sind zukünftig zu erwarten? 55
3.6. Die Flächeninanspruchnahme für eine gesunde Ernährung und das Anbauverhältnis bei weitgehend dezentraler Eigenversorgung mit Grundnahrungsmitteln 55
3.7. Die Einrichtung der Landwirtschaft nach Umweltanforderungen (Biolandwirtschaft) 57
3.8. Die Nährstoffversorgung, Humuswirtschaft und das Wiederherstellen von betrieblichen Kreisläufen. 59
3.9. Wie kann das Eiweißproblem für die Tierfütterung gelöst werden? 59
3.10. Bisherige und künftige Entwicklung der Betriebsgrößen 61
3.11. Der Umfang der notwendigen erweiterten Reproduktion in der Landwirtschaft 63
3.12. Der notwendige Zukauf von Produktionsmitteln 65
3.13. Nutzung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts 66
3.14. Konsequenzen des Umbaus der Landwirtschaft 68
4. Vorschlag für ein langfristiges politisches Leitbild der LINKEN auf dem Gebiet der Landwirtschaft 70
5. Vorschläge für politische Ziele der LINKEN auf dem Gebiet der deutschen Landwirtschaft bis 2050 und ihre Umsetzung 73
5.1. Umweltgerecht und Ressourcen sparend produzieren 73
5.1.1. Agrarpolitik 73
5.1.2. Umwelt- und Klimaschutzpolitik 75
5.1.3. Wirtschafts- und Finanzpolitik 75
5.1.4. Arbeits- und Sozialpolitik 76
5.2. Gesunde Lebensweise, gesunde Ernährung 76
5.3. Regional produzieren, verbrauchsnah versorgen 76
5.4. Umbauprozesse sozialverträglich gestalten 78
Literaturverzeichnis 79
Tabellenverzeichnis 85
Abkürzungsverzeichnis 86
Glossar 88
Autoren 94