Schleichende und akute Vergiftung durch Pestizide

Pestizide sind Oberbegriff einer Zusammenfassung von Substanzen, die landwirtschaftlich nicht erwünschte, den Produktionsprozess hemmende Organismen beseitigen oder schwächen, stets mit dem Ziel,Nutzpflanzen ein ungestörtes Wachstum zu ermöglichen. Je nach Einsatzrichtung der Stoffe, gegen Wildkräuter, Insekten oder Pilze, spricht man von Herbiziden, Insektiziden oder Fungiziden. Teils hochtoxischen Wirkstoffen, entwickelt und angewendet zum Töten von Organismen, wird durch die Bezeichnung Pflanzenschutzmittel (PSM) ein ungefährlich scheinendes Bild zugewiesen.Bestimmend in der Landwirtschaft ist heute eine chemiegestützte Wirtschaftsweise. Zwangsweise werdenviele Kulturen immer häufiger mit Wirkstoffmischungen gespritzt, um eine Resistenzbildung der Zielobjekte zu vermeiden, z. B. in Apfelplantagen bis über 20mal pro Saison – häufig mit mehreren Giften gleichzeitig 1).

Chemische Keule gegen die Umwelt

Nach Aussage des Pestizid Aktions-Netzwerks PAN hat die Menge der landwirtschaftlich genutzten Pestizide in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zugenommen. In der EU wird etwa ein Viertel der weltweit produzierten Pestizide ausgebracht, davon jährlich ca. 46.000 Tonnen allein in Deutschland (2014). Von der städtischen Bevölkerung wird der Pestizideinsatz überwiegend im Kontext mit belastetem Obst und Gemüse wahrgenommen. Pestizidrückstände werden hier als besonders gefährdend für die eigene Gesundheit eingestuft, während die massiven Auswirkungen des Pestizideinsatzes auf die biologische Vielfalt des Anwendungsgebietes weitestgehend unbekannt sind. Zahlreiche Lebewesen oder Organismen werden neben den eigentlichen Zielobjekten durch die toxische Wirkung der Pestizide gefährdet oder getötet. Pestizide schränken zumindest die Nahrungsangebote ein oder zerstören die gesamte Nahrungsgrundlage der Nichtzielobjekte. Nicht nur die behandelten Flächen selbst sind mit Gift belastet,auch angrenzende Biotope, wie z.B. Gewässer, Feuchtwiesen und Moore, werden durch Pestizidabdrift oder Einleitung pestizidhaltiger Erosionen geschädigt. Gefährliche PSM waren 2016 im Halterner Stausee, einem Trinkwasserreservoir, nachzuweisen. Derzeit vorgegebene Schutzzonen um Gewässer und Biotope mit dem Verbot eines Pestizideinsatzes sind generell unzureichend. Auch Pestizideinsätze in Gärten und auf kommunalen Flächen bedrohen potentielle Rückzugsräume bedrohter Arten. Werden selbst die vorgeschriebenen Spritzmittelmindestabstände zu Hecken, Wegen, Gräben und Gewässern nicht eingehalten, sind die Umweltschäden enorm und kaum abschätzbar, teils irreversibel.

Foto: flächendeckende Glyphosat-Spritzungen
Glyphosat-Spritzungen flächendeckend, bis in die Gewässerböschung (Legden, Frühjahr 2016; Privat-Foto)

Chemische Pflanzengifte, wie zum Beispiel glyphosathaltige Produkte, werden in der konventionellen Landwirtschaft nicht nur zur Unkrautbekämpfung eingesetzt, sondern oft verbotenerweise angewendet, um den Reifeprozess des Getreides zu beschleunigen, zur Sikkation. So werden heute Dreschtermine geplant.Die vorgeschriebene Wartezeit bis zur Abernte wird oft nicht eingehalten, mit dem Ergebnis glyphosathaltiger Nahrungs- und Futtermittel. Durch den Einsatz von Pestiziden werden Anbauweisen gefördert, die ohne Pestizidunterstützung nicht funktionierten: Monokulturen, kurze Fruchtfolgen oder der Anbau überzüchteter Hybridsorten.

Pestizide lagern sich im Boden ab und nicht alle werden innerhalb der Fruchtfolgezyklen abgebaut. Jeder erneute Eintrag lässt die Wirkstoffkonzentration im Boden steigen. Pestizidwirkstoffe haben stets eine Breitbandwirkung, sie schädigen Bodenorganismen und die Mikrobiologie des Bodens. Eine geschädigte Mikrobiologie verhindert oder verzögert den Abbau vieler der Pestizidwirkstoffe. Ein Teufelskreis! Nichtabgebaute Pestizidwirkstoffe gelangen somit in tiefere Bodenschichten und schließlich in das Grundwasser.Die Bodenfruchtbarkeit wird beeinträchtigt, angereicherte, systemisch wirkende Giftstoffe gelangen über das Wurzelwerk in die Folgefrüchte. Nachfolgend angebaute Lebens- und Futtermittel sind daher vielfach zusätzlich mit Wirkstoffen belastet, die im Anbauzyklus der Vorfrucht ausgebracht wurden. Tierische Produkte enthalten folglich Pestizidrückstände, wenn die Tiere mit pestizidbelasteten Futtermitteln versorgt werden. Auf unserer Speisekarte finden wir somit pestizidbelastete pflanzliche und tierische Produkte. Stauberosionen aus Ackerflächen sowie Sprühmittelaerosole verfrachten anhaftende Pestizide in weit entfernte Gebiete. Die Stoffe gelangen in Gewässer, sind sogar festzustellen im Obst, im Gemüse und in Beerenfrüchten biologisch bewirtschafteter Flächen. Pestizide gefährden die gesamte Umwelt sowie unsere Gesundheit. In diesem Zusammenhang interessant, in der Bundesrepublik Deutschland existiert keine einzige öffentlich zugängliche Messstelle, in der die Verschmutzung der Luft mit landwirtschaftlich angewendeten Pestizidwirkstoffen festgehalten wird. Es herrscht amtliches Schweigen.

Foto: Randbereiche
Bis auf Wege und in alle Randbereiche hinein: Glyphosat vernichtet Leben (Foto: privat)

Pestizide wirken breitbandig und über weite Entfernungen. Wirkstoffmischungen können, in Relation zu den einzelnen Wirkstoffen, ihre Toxizität um ein Vielfaches erhöhen. Einzelne, als bienenungefährlich eingestufte Wirkstoffe wirken in Kombination mit gleichartig bienenungefährlich eingestuften Stoffen hoch bienentoxisch. Bienentoxisch ist weitestgehend gleichzusetzen mit einer allgemein insektentoxischen Wirkung. Diese Kombinations- oder Wechselwirkungen von Pestizidwirkstoffen auf die Umwelt werden bisher als Zulassungskriterium nicht in die Forschungen einbezogen. Absichtlich, um die Zulassung nicht zu gefährden?

Foto: tiefes Pflügen
Tiefes Pflügen und ggf. über Winter zur Erosion freigegeben: zerstörtes Bodenleben und Auswaschungen wahrscheinlich (Legden-Asbeck, 2016; Privat-Foto)

Pestizide wirken also (mit ihren Giften und Nebenstoffen) über Boden, Wasser und Luft (Verwehungen und Einträge über viele Kilometer) schädlich und krankheitsverursachend bzw. tödlich auf Umwelt und Menschen. In der Studie „Pestizide nein danke“ bewertet der Autor Haalck den derzeitigen rechtlichen Rahmen „als Lizenz zum Töten“ und macht für die lebenslangen täglichen „Zwangsexpositionen“ u.a. übervergiftete Felder alle Menschen verantwortlich, die wissentlich oder unwissentlich Pestizide anwenden 2). Recherchen zu Giftanwendungen und -folgen weisen auf fehlende Kontrollen und Meldungen von Pestizidschädigungen und ein Versagen der Landwirtschaftskammer hin.

Gefährliche Grenzwert-Bestimmungen

Die Zulassungspraxis für die Gifte ist mit demokratischen Grundsätzen nicht vereinbar. Sogenannte Grenzwerte werden rein politisch und durch den massiven Lobbyeinfluss der Chemieindustrie nach Profitgesichtspunkten festgelegt. Beteiligte Stellen sind daher in der Kritik. Der Toxikologe Otmar Wassermann hat schon 1990 in seiner Schrift „Die schleichende Vergiftung. Die Grenzen der Belastbarkeit sind erreicht“ auf die gezielt schlechte Ausstattung unabhängiger toxikologischer Forschung hingewiesen, die eine erforderliche Gefährdungsabschätzung im Sinne einer Gesundheitsvorsorge erst ermöglicht. Konzerne wie Monsanto, Bayer und Syngenta setzen ihre Profitansprüche mit Verkauf von Umweltgiften durch, obwohl ihnen die epigenetische Wirksamkeit von Glyphosat und anderen Pestiziden und damit die erwiesenen Voraussetzungen für Verbote von Pestiziden bekannt sein dürften. Sie riskieren ohne Skrupel einen Zusammenbruch des Ökosystems und einen Anstieg der physischen und psychischen Erkrankungen der Bevölkerung.

Kombinationswirkungen bewusst vernachlässigt

Gesundheitsschäden können durch Chemikalien bereits in niedrigsten Konzentrationen verursacht werden, die weit unter der jeweiligen Nachweisgrenze liegen. Die Wirkungen der Einzelsubstanzen (Die Pestizide sind Gemische mit Beistoffen, die ebenfalls toxisch=tödlich und langlebig sein können.) addieren sich nicht nur, „in der Regel potenzieren sie sich im mehrdimensionalen Netzwerk biologischer Zusammenhänge“ 3). Eine Arbeitsgruppe der Biochemikerin Dr. Irene Witte (Oldenburg) 4) hat nachgewiesen, dass harmlose Konzentrationen von Umweltgiften in der Kombination mit anderen Stoffen giftig wirken können und fordert die grundlegende Einbeziehung dieser „Synergismen“ in die toxikologische Bewertung von Schadstoffen.

Foto: Giftbrühe
Giftige Brühe von einem Giftspritzen-Unfall auf einem Hof in Vreden-Ellewick (Privat-Foto)

Nachgewiesen wurden für etliche Pestizide Wirkungen wie „endokrine Disruptoren“, d.h. sie wirken beim Prozess der Zellteilung schädigend (nicht umkehrbar und ggf. vererbbar) auf die Zellen ein und das schon in Piko- und Nanogramm Mengen, also weit unterhalb der akut toxischen Menge.

„Mehr Blühstreifen!

Auch der herrschenden Agrarlobby kommt das sehr entgegen. Sie würde die Bienen ebenfalls gern aus den chemiegestützten Bauernhöfen woandershin verfrachten und verweist gern auf die „Eh da“-Flächen: Wegböschungen, Straßenränder, Autobahn- oder Bahndämme. Woraus sonst kaum Profit zu schlagen ist, kann immer noch als Reservat für die Bienen dienen. Vorteil: Die Agrobranche wäre ihren Ruf als Bienenkiller los und könnte dennoch weiter hemmungslos Chemie versprühen“ 5). So werden zwar in einer Studie der DWA 6) ungenutzte Gewässerrandstreifen gefordert und eine Verhinderung direkter Ableitungen von Oberflächenwasser aus Ackerflächen und Grünland, bei gleichzeitiger strenger Gewässerüberwachung durch zuständige Behörden. Doch die zur Rettung der Arten ausgedachten Dauerblühstreifen auf öffentlichem Grund sind bereits in Gefahr, zum Alibi für weitere Giftpraxis zu verkommen. So kümmert sich u.a. die Lobby-Organisation „Forum Moderne Landwirtschaft e.V.“ (Chemieindustrie, Bauernverband…) um die ökologische Aufwertung von „Eh da-Flächen“ z.B. mit Blühstreifen, damit die Chemie-Landwirtschaft so weitermachen kann, wie bisher. In Rheinland-Pfalz sind gar das Land, das gemeinsam mit der BASF betriebene „Institut für Agrarökologie“ und Hochschulen dabei.

Dennoch sind neue Biotopverbundlinien besonders auf zurückgeholten kommunalen Wegseitenrändern in Form von ökologisch bedeutsamen Hecken und Dauerblühstreifen für die Biodiversitätssicherung enorm wichtig (www.hecke.wg.vu).

Viele Jahre nach Veröffentlichung des Buches „Stummer Frühling“, in dem die amerikanische Autorin Rachel Carson das von Agrarchemikalien ausgelöste Vogelsterben beschreibt, ist der Pestizideinsatz in der Landwirtschaft immer noch viel zu hoch.

Immer mehr Menschen fällt das Verschwinden der Insekten und Vögel sowie Blühpflanzen auf. Mittlerweile scheint die Artenvielfalt in manchen städtischen Regionen größer zu sein als in landwirtschaftlich geprägten Regionen. Pestizide haben – auch lt. Umweltbundesamt – einen „erheblichen negativen Einfluss auf die biologische Vielfalt“.

Foto: Plakat
Raffinierte PR-Aktion der Agrochemie-Industrie mit dem Bauernverband: „Pflanzenschützer“ erzählen Märchen über Gift!

Da die mit Steuergeldern geförderte industrialisierte Landwirtschaft ohne Giftcocktail nicht möglich ist, brauchen wir eine Agrarwende, weg von synthetischen Pestiziden und Düngern, die natürliche Prozesse und Systeme zerstören, hin zur umweltschonenden Alternative, dem Landbau nach streng ökologischen Richtlinien, mit nachhaltiger Bewirtschaftung, unter Einhaltung mehrjähriger Fruchtfolgen und ohne Einsatz chemisch-synthetischer Wirkstoffe. Bio-Lebensmittel für alle sind angesagt, regional und sozial.

Herbert Moritz (Heek) und Jürgen Kruse (Legden)

Hinweise – Siehe auch:


Fussnote(n)

[1↑] Fünf-Punkte-Programm für einen nachhaltigen Pflanzenschutz, Umweltbundesamt 2016. — Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit: Reiner Inlandsabsatz von Pflanzenschutzmittelwirkstoffen in Deutschland in 2015: 46.611 Tonnen (incl. inerte Gase für den Vorratsschutz gemäß Meldungen nach §64 Pflanzenschutzmittelgesetz an das BVL)
[2↑] Klaus Friedrich Haalck, Pestizide nein danke, Berlin 2013 (u.a.: S. 14, 24/25 und 140-143). – Auf die erwiesene Gefährlichkeit des Totalherbizids Glyphosat weist Monika Krüger hin: http://www.zivilcourage.ro/pdf/Risiko-Glyphosat.pdf
[3↑] Otmar Wassermann u.a., Die schleichende Vergiftung. Die Grenzen der Belastbarkeit sind erreicht, Frankfurt/M. 1990, S. 9.
[4↑] Witte, I. (2012). Kombinationswirkungen von Umweltgiften. In: Steinmetz, Bernd &Trautmann, Sandra (Hrsg.): Vergiftet und allein gelassen. Arbeitsmedizin und Umweltmedizin im Schatten wirtschaftlicher Interessen. Weimar: Bertuch Verlag. – So fordert auch Anita Schwaier, dass experimentelle Untersuchungen so angelegt werden, dass sie epigenetische Effekte wie die der endokrinen Disruptoren erfassen, und zwar auch bei Misch- und Fertigpräparaten (https://www.agrarkoordination.de/fileadmin/dateiupload/Roundup___Co/151124_Epigenetische_Wirkung_von_Glyphosat_Anita_Schwaier_Kurzfassung.pdf )
[5↑] Quelle: Hans-Ulrich Grimm, Die Fleischlüge, Wie uns die Tierindustrie krank macht, Droemer-Knaur- Verlag, München 2016, Seite 152 – 154.
[6↑] DWA=Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e.V., Hennef

Glyphosat-Entscheidung vertagt – Zeit für eine fundierte Klärung

Kirsten Tackmann gegen weitere Zulassung von Glyphosat ohne klare Unbedenklichkeit

Der Streit zwischen EFSA und WHO über die Gefährlichkeit von Glyphosat muss geklärt werden. Ohne nachgewiesene Unbedenklichkeit darf die EU die Zulassung des Mittels nicht verlängern. Darüber hinaus lehnt DIE LINKE die Vorerntebehandlung mit dem Wirkstoff ebenso ab wie den Einsatz im Privatbereich und fordert ein Vertriebsverbot für Glyphosat im Internet und in Bau- und anderen Fachmärkten an Privatpersonen.

 


Nachtrag

Das EU-Parlament hat mehrheitlich zugestimmt, die Zulassung um sieben Jahre (nicht 15, wie gefordert) zu verlängern.
Die Kommission muss die Entscheidung treffen, ob Glyphosat zugelassen wird. An den Beschluss des Parlamentes ist die Kommission nicht gebunden.

 

POE-Tallowamine in Glyphosat-Unkrautkillern europaweit verbieten

Pressemitteilung von MdB Dr. Kirsten Tackmann (klick)

Berlin, 28.01.2016

„Ich begrüße es, dass die gefährlichen POE-Tallowamine in Deutschland nicht mehr in Glyphosat-haltigen Pestiziden enthalten sind. Doch nach wie vor können Landwirtinnen und Landwirte solche Unkrautkiller aus dem Ausland beziehen. Daher muss sich die Bundesregierung dafür einsetzen, dass in der ganzen EU der Zusatz von POE-Tallowaminen in Glyphosat-haltigen Pestiziden verboten wird“, fordert MdB Dr. Kirsten Tackmann anlässlich der Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage „Risiken durch Tallowamine in Glyphosat-haltigen Pestiziden“ – Bundestagsdrucksache 18/7232 (klick).

Dr. Kirsten Tackmann weiter: „2010 ging das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, das BVL, davon aus, dass die toxikologischen Effekte des aktuell sehr umstrittenen Pestizid-Wirkstoffs Glyphosat auf den Beistoff POE-Tallowamine zurückzuführen sind. Solche Beistoffe sollen die Wirksamkeit von Glyphosat erhöhen. 2010 gab es noch sieben Pestizide mit POE-Tallowaminen auf dem deutschen Markt. Unsere Kleine Anfrage ergab, dass infolge einer Aufforderung des BVL alle Zulassungsinhaber in Deutschland mittlerweile auf POE-Tallowamine verzichten.

Doch EU-weit und international sind POE-Tallowamine noch immer in zugelassenen Pestiziden enthalten und können käuflich erworben werden. Somit ist nicht auszuschließen, dass diese Pestizide auf deutschen Äckern verspritzt werden. Für die Verbraucherinnen und Verbraucher ergibt sich daraus ein erhöhtes Gefahrenpotential – sowohl durch die direkte Giftigkeit der POE-Tallowamine als auch durch ihren verstärkenden Effekt auf die Glyphosatwirksamkeit. Leider wurden im aktuell laufenden Genehmigungsverfahren zur Wiederzulassung des Wirkstoffes Glyphosat keine neuen Daten zu POE-Tallowaminen durch die Antragsteller zur Verfügung gestellt, wie uns die Bundesregierung mitteilte.

DIE LINKE ist gegen eine erneute Zulassung von Glyphosat – und zwar aus Gründen der Vorsorge. Doch unabhängig von der Frage der Gefährlichkeit des Wirkstoffes selbst und seiner möglichen gesundheitsgefährdenden Wirkung auf Mensch, Tier und Umwelt ist es dringend notwendig, in das Zulassungsverfahren nicht nur den Wirkstoff, sondern die Pestizidmischungen einschließlich aller Bestandteile und der Ausbringungstechnik einzubeziehen. Dies ist umso dringender, sollte Glyphosat eine erneute Zulassung in der EU für 15 Jahre erhalten.“

Glyphosat & Co

WHO-Behörde stuft fünf Pestizide als krebserregend ein

Pressemitteilung des PAN Germany, 24.03.2015

Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsorganisation (WHO), hat fünf Pestizide als möglicherweise oder wahrscheinlich krebserregend eingestuft, darunter die Insektizide Malathion, Diazinon, Tetrachlorvinphos und Parathion sowie das weltweit am meisten eingesetzte Breitbandherbizid Glyphosat.

Mit der Einstufung von Glyphosat als wahrscheinlich krebserzeugend für den Menschen (Kanzerogen der Gruppe 2A) widerspricht die IARC der Bewertung durch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das „keine Anhaltspunkte für eine krebserzeugende Wirkung von Glyphosat“ sieht (s. BfR Fragen und Antworten zur gesundheitlichen Bewertung von Glyphosat ).

Das häufig und in großen Mengen in der Landwirtschaft, in Kommunen und Kleingärten eingesetzte Glyphosat steht bereits seit längeren in der Kritik. In ihrer gemeinsamen Publikation „Roundup & Co“ [1] hatten PAN Germany und die Agrarkoordination Ende 2014 über Mängel der Bewertung, Zulassung, Anwendung und Überwachung des Herbizids Glyphosat und glyphosathaltiger Produkte wie Roundup im Kontext des vorherrschenden Systems der Unkrautkontrolle in der konventionellen Landwirtschaft berichtet. Menschen können direkt bei der Anwendung, über die Abdrift oder über Rückstände in Lebensmitteln mit dem Pestizid belastet werden.

Die Ergebnisse des IARC Experten sollen in der IARC Monographie 112 veröffentlicht werden. Eine Zusammenfassung wurde vorab in einem kurzen Bericht in der Zeitschrift Oncology (2015; doi 10.1016/S1470-2045(15)70134-8) vorgestellt. Deutschland ist Berichterstatter für die Genehmigungsprüfung von Glyphosat in der EU. Dem BfR, dem hierbei die Bewertung der Humantoxizität obliegt, hat bereits Stellung zu der Veröffentlichung bezogen. Für die deutsche Behörde ist die Bewertung „auf Basis der vorliegenden Informationen wissenschaftlich schlecht nachvollziehbar“ und kündigte an, es werde „die von der IARC vorgenommene Einstufung nach dem Vorliegen der Monografie gründlich prüfen“. (Mitteilung 007/2015 des BfR vom 23. März 2015 (pdf-Datei))


[1↑] Die Broschüre kann bei PAN Germany, Nernstweg 32, 22765 Hamburg für 8,– € zzgl. anteilige Versandkosten bestellt werden.

Pflanzenschutz muss ökologisch vertretbar sein!

Pressemitteilung von Alexander Süßmair, MdB (DIE LINKE) Mitglied im Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz zum „Nationalen Aktionsplan zur nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln“

„Wir verfügen heute über vielfältige chemische Mittel zum Pflanzenschutz. Das ist grundsätzlich auch gut so, um die Ernährung der Bevölkerung zu sichern. Aber diese haben auch negative, schädliche Auswirkungen für Menschen, Tiere und Umwelt.

Ein Beispiel: Gestern hat der BUND in Berlin eine Studie vorgestellt. In 18 Ländern Europas wurde der Urin von Großstadtbewohnerinnen und -bewohnern auf Glyphosat, besser bekannt unter dem Namen „Round-up“, untersucht. In Deutschland waren 70 Prozent der Proben belastet, der Durchschnitt lag bei 44 Prozent. Nun mehren sich die Anzeichen, dass das Mittel doch gefährlicher ist als bisher angenommen. Die Verwendung von Glyphosat hat sich seit 1993 verfünffacht und inzwischen ist er weltweit der meistgenutzte Herbizid. Ein Mittel, das in Ausnahmefällen sinnvolle Dienste erweisen kann, ist zur Regel geworden. Vor allem in Kleingärten ist die Verwendung derartiger Pflanzenschutzmittel nicht zu rechtfertigen und ein Verbot unumgänglich.

Leider handelte die Regierung mit dem Aktionsplan, mal wieder nur auf Druck aus Brüssel. Im Aktionsplan steht immerhin, dass ökologische und integrierte Pflanzenschutzverfahren entwickelt werden sollen, die mit nur geringen Anwendungen von Pflanzenschutzmitteln auskommen. Bis 2023 soll der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln um 30% verringert werden. Ein ehrgeiziges Ziel!

Wenn die Bundesregierung ihren eigenen Aktionsplan ernst nimmt, muss sie endlich mehr als bisher die Forschung im Ökolandbau unterstützen und den ökologischen Landbau stärker fördern! Ziel muss Ziel sein, dass 20% der Bundesmittel für die Agrarforschung dem Ökolandbau zugute kommen. Sonst sind das alles nur Lippenbekenntnisse!
Wir aber werden Sie beim Wort nehmen! DIE LINKE wird genau hinsehen, wie die Bundesregierung den Plan umsetzt. Die Ziele des Plans müssen verwirklicht und nicht den Kapitalinteressen der Agrar- und Chemielobby geopfert werden.“

Alexander Süßmair, MdB
Berlin, 14.06.2013

Herbizide im Urin

Ithaka, das „Journal für Terroirwein und Biodiversität“, 2010, ISSN 1663-0521 berichtete am 7. Januar 2012 unter dem Titel

Herbizide im Urin

darüber, dass zunehmend Herbizide in unsere Nahrung gelangen und in einer Studie einer deutschen Universität in Urinproben der städtischen Bevölkerung nachgewiesen wurden. In der Zusammenfassung heisst es: „Alle Proben wiesen erhebliche Konzentrationen des Herbizidwirkstoffes auf, sie lagen um das 5 bis 20fache über dem Grenzwert von Trinkwasser.“

Möglich ist das, weil Glyphosat, der in den meisten Herbiziden enthaltene Wirkstoff, unter anderem zum „Totspritzen“ von Getreide (und Kartoffeln) kurz vor der Ernte eingesetzt wird und somit in hohen Konzentrationen in die Nahrung gelangen kann.

Ergänzt wird sein Einsatz zur Vernichtung von Beikrätern bei gentechnisch modifizierten Nutzplanzen (Mais), die bei einer solchen Behandlung nicht absterben.

Der eigentliche Skandal besteht jedoch darin, dass

„die EU-Behörden den Grenzwert für Glyphosat in Brotgetreide um das 100fache gegenüber dem Grenzwert für Gemüse heraufgesetzt (haben). Im Futtergetreide ist er sogar um das 200fache erhöht worden, wobei dies nicht einmal in relevanten Stichproben überprüft wird.“

 

zum Artikel