Transformative Wirtschaftswissenschaft im Kontext nachhaltiger Entwicklung

Dieser Text gehört zum Schwerpunkt Wirtschaft und Gesellschaft der Tarantel 83, fand darin jedoch leider keinen Platz mehr.

Rezension von Judith Dellheim

Wer Wirtschaftspolitik für sozial-ökologischen Umbau bzw. sozialökologische Transformation[1] betreibt, sollte sich unbedingt Zeit nehmen für die Lektüre von „Transformative Wirtschaftswissenschaft im Kontext nachhaltiger Entwicklung“, herausgegeben von Reinhard Pfriem, Uwe Schneidewind, Jonathan Barth, Silja Graupe und Thomas Korbun, Metropolis-Verlag, Marburg 2017, 625 S., ISBN 978-3-7316-1286-5. (Alle Seitenangaben in diesem Text beziehen sich auf das Buch)

Diese Empfehlung kann leicht begründet werden: Das Buch gibt Anregungen zum Nachdenken über relevante Probleme (a) und ermutigt, das Gespräch mit konkreten Autorinnen und Autoren zu suchen (b). Es motiviert, sich stärker in die wirtschaftswissenschaftliche Debatte zu sozial und ökologisch nachhaltiger Entwicklung und zu einer entsprechenden wirtschaftswissenschaftlichen Bildung einzubringen (c). Es liefert wertvollen Stoff für die erforderliche Qualifizierung der eigenen Wirtschaftspolitik und der insbesondere dafür so wichtigen wirtschaftswissenschaftlichen Arbeit (d).

Zum Buch

Dem „Geleit“ durch die Herausgebenden folgen sieben Teile:

  1. das Manifest, das den Buchtitel prägt und die Unterüberschrift „Für einen neuen Vertrag zwischen, Wirtschaftswissenschaft und Gesellschaft“ trägt; die Thesen der sechs Themengruppen der 8. Spiekerooger Klimagespräche: „Transformative Ökonomik – Anforderungen an zukunftsfähige Wirtschaftswissenschaften“,
  2. „Kritik der Standardökonomik“ mit Beiträgen von Katrin Hirte und Frank Beckenbach,
  3. „Transformative Wirtschaftswissenschaft als kritische Wissenschaft“ mit Texten von Lars Hochmann, Reinhard Pfriem, Ulrich Petschow, Johannes Blome-Drees/ Burghard Flieger,
  4. „Normative Implikationen und die Postwachstumsperspektive“, wozu Sebastian Thieme, Niko Paech, Irmi Seidl und Angelika Zahrnt schrieben,
  5. „Mögliche Praktische Folgen“ mit Ausführungen von Georg Müller-Christ, Hans J. Heinecke, Irene Antoni-Komar/ Marius Rommel/ Corinna Vosse und Lutz Becker,
  6. „Ansätze und Perspektiven der Institutionalisierung“, wofür Uwe Schneidewind, Silja Graupe/ Harald Schwaetzer, Elsa Egerer/ Helge Peukert/ Jonas Keppeler/ Gustav Bergmann und Jonathan Barth/ Florian Rommel Diskussionsbeiträge verfassten und
  7. „Zum Ausklang“, da Marco Lehmann-Waffenschmidt über ein amüsantes Reload der beiden Szenen mit Faust, Mephisto, Wagner und dem Schüler wirtschaftswissenschaftliche Lehre kritisch reflektiert.

Die Publikation knüpft an das Gutachten „Welt im Wandel, Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation“ des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen von 2011 an. Die Autorinnen und Autoren bemühen sich um „eine kritische Auseinandersetzung mit dem Mainstream der Ökonomik (Volks- und Betriebswirtschaftslehre)“. Sie wollen „eine Sichtung von Bausteinen“ vornehmen, um eine transformative wirtschaftswissenschaftliche Forschung und Lehre zu entwickeln, die eine Transformation hin zu nachhaltiger Entwicklung realisieren hilft. So gibt das Buch einen „Aufschlag“ für die Diskussion zum „Projekt einer transformativen Wirtschaftswissenschaft“ im „Spagat zwischen konzeptioneller Pluralität und inhaltlicher Präzisierung“ (Herausgebende, S. 14). Das Kollektiv beruft sich auf Schumpeter, der durchaus wissenschaftliche Würdigung für seine Theorie zur ökonomischen Innovation verdient, aber keine systematische Kritik der kapitalistischen Produktionsweise betrieb.

Allerdings sind Innovationen für nachhaltige Entwicklung durchaus erforderlich, sollen Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft, erhalten, verallgemeinert und im Interesse aller, vor allem der sozial und global Schwächsten, weiterentwickelt werden. Dieses Verständnis geht zusammen mit dem originären Brundtland-Bericht, wo „Nachhaltigkeit“ die demokratische und gerechte Lösung sozialer, ökologischer und globaler Probleme meint. Danach verlangt „Nachhaltigkeit“ zum einen die individuelle, kollektive und vor allem gesellschaftspolitische Auseinandersetzung der Menschen mit den Herrschaftsverhältnissen und zum anderen ihre gleichzeitige kritische Selbstreflexion und Selbstveränderung. Und das verlangt zum dritten die ebenfalls gleichzeitige Entwicklung von plausiblen Lösungskonzepten, die das Mögliche im Realen aufspüren, und die Organisation jener Kräfte, die diese Lösungskonzepte umsetzen könn(t)en. Die politische Ökonomie im Verständnis von Marx kann dabei helfen und ihre „Fans“ können nur begrüßen, dass sich die hier diskutierte Publikation nicht allein an Wirtschaftswissenschaftlerinnen und Wirtschaftswissenschaftler richtet.

Auch kann nur begrüßt werden, dass die Autorinnen und Autoren inter- und transdisziplinäre Forschung betreiben und dabei wissenschaftlich pro Nachhaltigkeit Arbeitende vernetzen wollen. „Die Termini Inter- und Transdisziplinarität lassen sich (…) als Brücken- oder Übergangsbegriffe gegenüber dem Problem charakterisieren, dass die fachdisziplinären Aufspaltungen der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften im 20. Jahrhundert viel zu weit getrieben wurden.“ (ebd., S. 15) Das betont folgerichtig auch das Manifest „Transformative Wirtschaftswissenschaft im Kontext nachhaltiger Entwicklung“ von Schneidewind, Pfriem u.a.. Es war bereits 2016 in der Zeitschrift „Ökologisches Wirtschaften“ erschienen und bildet die Diskussionsgrundlage der Buchbeiträge. Es unterstreicht, dass die dominierenden bzw. Mainstream-Wirtschaftswissenschaften „eng in die Generierung von Handlungsoptionen für Politik und Gesellschaft sowie die Sinn- und Legitimationsprozesse gesellschaftlicher Handlungsprozesse eingebunden“ sind (Schneidewind, Pfriem u.a., S. 28); und dass sie gesellschaftliche Realitäten ignorieren (ebd.). Nachhaltige Entwicklung brauche aber eine transformative Wirtschaftswissenschaft, die sich „ausdrücklich zu ihrem Charakter als ‚Handlungstheorie‘ (Beschorner 2001) und ‚Möglichkeitswissenschaft‘“ (Pfriem 2011) bekennt (ebd.). Die Verantwortung der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft erkläre fünf Kriterien transformativer Wirtschaftswissenschaft: Transparenz als Offenlegung der normativen Annahmen und methodischen Praktiken; Reflexivität als Bekenntnis zu den praktischen Folgen der eigenen wissenschaftlichen Arbeit; Wertebezug zu nachhaltiger Entwicklung, solidarischem Miteinander und einem guten Leben für alle; Partizipation als Teilhabe am Zustandekommen wissenschaftlicher Erkenntnisse, darunter auch von Menschen, die nicht wissenschaftlich arbeiten; Vielfalt als Theorien- und Methodenpluralität (Schneidewind, Pfriem u.a., S. 29-30). Bei aller Zustimmung zu diesen Kriterien fällt auf, dass die Kritik der bestehenden gesellschaftlichen Zustände und der sie erklärenden Theorien nicht ausdrücklich genannt ist.

Das Manifest führt dann exemplarisch neun Problem- und Fragestellungen der transformativen Wirtschaftswissenschaft auf: Gesamtwirtschaftlicher Strukturwandel, makroökonomische Dimension, Transformation von Branchen, politische Prozesse, Organisation und Institution, Unternehmen im Wandel, Transformation des Konsums, Rückbesinnung auf die Pluralität der Eigentumsformen und Bildung (ebd., S. 30-31). Es wird also nicht konsequent die Frage nach den Hauptursachen und Hauptverursachern von Armut, Ausbeutung und Unterdrückung und der Zerstörung der natürlichen Lebensverhältnisse gestellt und diskutiert. So sagt z.B. „Pluralität der Eigentumsformen“ nichts zur Auseinandersetzung mit Privatisierung oder transnationalen Konzernen. Die Einladung und Aufforderung, sich an der Debatte zu beteiligen, erleichtert es nun allerdings, auf diese Probleme und Defizite hinzuweisen und sie abzubauen. Dass das auch zumindest von einigen Verfasserinnen und Verfassern wie Unterstützerinnen und Unterstützern des Manifests wie z.B. von Reinhard Pfriem gewollt ist, beweisen dessen Beitrag und solche Formulierungen wie die vom „gemeinsamen Wärmestrom für eine bessere Zukunft von Mensch und Natur“ (ebd., S. 29). Schließlich ist der „Wärmestrom“ eine direkte Anleihe beim konsequenten Marx-Anhänger und solidarischen Marx-Kritiker Ernst Bloch. Es kommt also darauf an, zum einen die Bedingung transformativer Wissenschaft „Pluralität“ gegen Beliebigkeit zu verteidigen und kritisch zu nutzen, um eigene Analysen, Konzepte und Theorien selbstkritisch zu qualifizieren. Und zugleich kommt es zum anderen darauf an, im demokratischen Austausch mit den anderen Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmern mit den eigenen Problemsichten, Positionen und praktischen Projekten Andere zum Nachdenken und neuem Tun anzuregen. Das verlangt zumindest die Kenntnis der Debatte, auch und insbesondere zu sehr konkreten fachpolitischen Themen.

Irene Antoni-Komar bezeichnete während der 8. Spiekerooger Klimagespräche transformative Wirtschaftswissenschaft als „reflexive Veränderungswissenschaft“ (Thesen, S. 41) und erklärte: „Doppelt rekursiv bestimmt analysiert sie einerseits hegemoniale Prozesse der Ökonomie mit ihren (re-)produzierenden Akteuren und Institutionen, um das Veränderungspotenzial für nachhaltige Entwicklung aufzudecken. Andererseits bewirkt sie in einem praktischen Sinn die Veränderung dieser Prozesse durch transdisziplinäre Projekte, in denen gesellschaftliche Akteure als forschende Co-Produzenten umgekehrt Wissenschaft verändern helfen. Kooperativ werden Forschungsfragen, Zielsetzungen und Untersuchungsrichtungen erarbeitet sowie in neuen Lebens- und Wirtschaftsweisen erprobt. Die Abflachung von Machtasymmetrien und gegenseitige Legitimation von Wissenschaft und Praxis tragen zur Beschleunigung und Durchsetzung des unaufschiebbaren kulturellen Wandels bei. Dieser setzt die Suche nach Alternativen zum kapitalistischen Wirtschaftsmodell und den damit verbundenen Mechanismen des Marktes, der Kommodifizierung und der Fremdversorgung voraus.

Transformative Wirtschaftswissenschaft eröffnet einen neuen Umgang mit Besitz und Eigentum, schafft Räume für Suffizienz und Teilhabe, stärkt Gemeinschaftlichkeit und Eigeninitiative und befähigt für Zukunftsverantwortung – auch in der wissenschaftlichen Praxis selbst“ (ebd.). Allerdings wäre zu klären, inwiefern von solchen Projekten ausgehend gesellschaftspolitische Strategien einer sozialökologischen Transformation entwickelt und durchgesetzt werden können. Schließlich rührt der kritische Blick von Friederike Habermann auf commonsbasiertes Wirtschaften (ebd.,S. 48) nicht von ungefähr. Denn dieses Wirtschaften kann nur auf radikale gesellschaftliche Veränderungen zielen, wenn es in entsprechende politische Strategien integriert ist. Aber Burghard Flieger, Gisela Notz und Marius Rommel (ebd., S. 47, 54, 57-58) scheint im Unterschied auch zu Ulrich Petschow (Petschow , S. 261-284) an solch kritischer Analyse der Alternativökonomie eher wenig gelegen zu sein. Das verstellt Möglichkeiten, Erfahrungen gesellschaftspolitisch produktiv zu debattieren und Nico Paech macht keineswegs unbegründet eine mangelnde Kooperationsbereitschaft von Akteur*innen der alternativen Ökonomie aus (Thesen, S. 55).

Harald Benders Vorschlag, zugunsten des Klimaschutzes der Wachstumsfixierung wirtschaftlichen Handelns „systemfremde Kriterien der Reduktion“ und auf betrieblicher Ebene „neue Rationalitätskriterien“ (ebd., S. 44) entgegenzusetzen, ist interessant. Um die Renditeorientierung des Unternehmens zu beenden, will er die Unternehmensfinanzierung von privatem auf öffentliches Kapital umstellen, das Bilanzrecht und die Unternehmensverfassung reformieren (ebd.). Zweifellos ist der Hinweis, sich diesen Fragen auch und insbesondere auf der EU-Ebene zuzuwenden, hilfreich. Aber es wäre zunächst aufzuspüren, warum die Praxis und das Recht so sind, wie sie sind. Schließlich sind sie Ausdruck bestimmter gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse. Deren Veränderung kann nur dann über Forderungen nach Veränderungen des Rechts unterstützt werden, wenn darüber bereits agierende emanzipative Akteure vernetzt und somit wirksamer werden. Schließlich sollte Reinhard Pfriem zugestimmt werden, wenn er feststellt: „das bloße Überleben ist ohne eine Wende zum guten Leben nicht (mehr) zu haben. Dafür braucht es Ökonomik als Möglichkeitswissenschaft: als Wissenschaft von den Bedingungen, Möglichkeiten und Hemmnissen der Akteure, die gesellschaftlichen Herausforderungen besser als bisher zu bewältigen“ (ebd. S. 57, kursiv im Original).

BWL (Betriebswirtschaftslehre) und VWL (Volkswirtschaftslehre) müssten sich also auf eine Wissenschaft stützen, die Akteure mit ihren Interessen, gesellschaftliche Kräfteverhältnisse und Möglichkeiten ihrer Veränderung analysiert. Irmi Seidl und Uwe Schneidewind sehen das offenbar nicht so (ebd., S. 58-59). Wenn dann aber Katrin Hirte in ihrem Beitrag von einer „marxistisch-leninistischen Klassentheorie“ als „Akteur“ und „Prozess“ (Hirte, S. 145) spricht, so wäre zu fragen, was damit gemeint ist. Zweifellos hat sie recht, wenn sie sagt, dass es keine objektive unabhängige Ökonomie gibt (ebd., S. 158).

Dem stimmt Frank Beckenbach nicht nur zu. Er erklärt die Entwicklung der Neoklassik als Interessenreflexion jener, die als Nutznießer der kapitalistischen Produktionsweise zwei entscheidende Fragen marginalisieren oder eliminieren wollen: Wer schafft den gesellschaftlichen Reichtum und wie geht die Gesellschaft mit den Schöpferinnen und Schöpfern dieses Reichtums – den Arbeitskräften und insbesondere den Lohnarbeiterinnen und –arbeitern um. Allein die von Marx begründete politische Ökonomie analysiert den gesellschaftlichen Arbeitsprozess im Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse und als gesellschaftlichen Stoffwechselprozess mit der Natur. Beckenbach beschreibt die Inhalte und erweiterte Reproduktion der Standardökonomik bzw. des neoklassischen Denkens ohne jeden Bezug auf den schwedischen Ökonomen Peter Söderbaum, der dazu umfangreich publizierte. Aber Beckenbach lässt gesellschaftliche und wirtschaftliche bzw. gesellschaftspolitische und wirtschaftspolitische Entwicklungen weitgehend außen vor. Dennoch begründet er schlüssig, warum die vor allem US-amerikanisch geprägte Standardökonomik die von der Öffentlichkeit ausgemachten Probleme Populismus, Migration, Klimawandel, Finanzmarktstabilität und Gerechtigkeitsorientierung nicht ausreichend erklären und erst recht nicht klären helfen kann (Beckenbach, S. 199ff.).

Transformative Wirtschaftswissenschaft hingegen markiert nach Hochmann „ein wirtschaftspolitisches Leitbild, das sich aus ontologischen und epistemologischen Einsichten speist, das auf die kritische Anerkenntnis der durch eigenes Tun hervorgebrachten praktischen Konsequenzen verweist“ (Hochmann, S. 227). Das setzt voraus, Wirklichkeit und Möglichkeit anzuerkennen, also auch die „subversive (…) Kreativität“ ökonomischer Akteure zum Ausgangspunkt zu machen. (ebd., S. 232). Schließlich gehe es mit Bloch um eine kritische Masse von Menschen, die mit ihren Interessen und Einsichten beginnen, „kollektiv ihr Leben zu ändern“ (ebd.).

Das will der ähnlich denkende und sich ebenfalls auf Bloch beziehende Reinhard Pfriem in Richtung eines guten Lebens ermöglichen helfen. Wenn er „Möglichkeitswissenschaft ist Trotz-alledem-Wissenschaft“ (Pfriem, S. 255) schreibt, dann schwingt die unverhohlene Skepsis mit, ob „die Kehre zu nachhaltiger Entwicklung“ (ebd., S. 254, kursiv im Original) gelingen würde. Diese Skepsis ist angesichts der ökologischen Problematik und der gesellschaftlichen Verfasstheit der Akteure nachhaltiger Entwicklung sehr begründet. Wirtschaftswissenschaftlich Aktive, die skeptisch diese Zustände verändern wollen, müssten sich bemühen, „(…) die fachdisziplinären Trennungen und Abspaltungen zugunsten einer Wissenschaft zu überwinden, die sich (…) durch ihre Lebensklugheit auszeichnen würde“ (ebd., S. 257). Das aber setzt voraus, dass es in Ansätzen eine gemeinsam anerkannte Gesellschaftsauffassung und politische Ökonomie gibt. Davon ist man weit entfernt und sieht meist nicht einmal das Defizit.

Aber Sebastian Thieme sieht in ethischen Prinzipien Möglichkeiten, die erforderlichen gesellschaftlichen Suchprozesse nach nachhaltigen Lösungen sozialer, ökologischer und globaler Probleme zu organisieren und zu forcieren (Thieme, S. 329). „Partizipation, Wertebezogenheit, Reflexivität und Vielfalt“ können auf einen Weg führen, auf dem die Ökonomik „prozess- und dialogorientiert zu denken und anzulegen ist“, wodurch die Ökonomik eine „normative Meta-Perspektive“ einnehmen kann (ebd., S. 332). Das Paderborner Erwägungskonzept[2] könnte nach Thieme solch multidisziplinäre Suchprozesse unterstützen. Das wäre eine weitere Aufforderung an die „Marx-Fans“, sich einzubringen.

Solche Suchprozesse sind nicht erst zuletzt für die Klärung der von Irmi Seidl und Angelika Zahrnt ausgemachten Fragen einer Post-Wachstums-Gesellschaft wichtig: Ökologische Grenzen, Messgrößen für wirtschaftlichen Erfolg, anzustrebender wirtschaftlicher Erfolg, Produktivitätswachstum, Beschäftigung, Konsum und soziales Gleichgewicht. Allerdings scheint ihr Optimismus in Sachen Kritik von Standardökonomik und Wachstumsfixierung (Seidl, Zahrnt, S. 378-389) auch und insbesondere die Frage nach der Ideologieproduktion in den bestehenden Herrschaftsstrukturen zu unterschätzen.

Georg Müller-Christ ist da verhaltener und entwickelt einen spezifischen Aspekt komplexer Veränderung, den er allerdings mit Transformation gleichsetzt. „Transformation lässt sich als Anforderung verstehen, einen Menschen, eine Institution oder eine Gesellschaft auf die nächste Bewusstseinsstufe der Komplexitätsbewältigung zu heben. Wie genau ein solcher Prozess aussehen könnte, soll die (…) Transformationsforschung ermitteln.“ (Müller-Christ, S. 403). Zur Komplexitätsbewältigung gehört es, die eigene Individualität „in eine intelligente Kollektivität zu transzendieren“ (ebd., S. 404). Dieses Transzendieren schließt die Entwicklung solidarischer Strukturen, neuer Entscheidungsstrukturen und gemeinsamer Erzählungen ein (ebd.). Die Erzählungen reflektieren eigene Erfahrungen, aber verkünden vor allem Vorstellungen von einem guten Leben. „Das Entscheidende an diesen Geschichten liegt in ihrer Zukunftsbezogenheit (…), definieren sie doch den Möglichkeitsraum für zukünftige Reaktionen des Menschen und oder der Institution. Der Möglichkeitsraum ist der Raum, der der Transformation eine Richtung gibt.“ (ebd., S. 406, kursiv im Original). Die Geschichte beginnt nach Müller-Christ mit einer Zustandsbeschreibung und der Konfrontation des Zustands mit einem Ereignis, das die Formulierung einer finalen Situation begründet. Eine „Erzähllinie“ versteht er als „vertikale Kohärenz der Dimensionen von Geschichte, Erzählung, Meta-Erzählung und Narrativ.“ (ebd., kursiv im Original) Das bedeutet, die/der Einzelne würde sich als Mitglied eines Kollektivs sehen und die eigene Geschichte als zu einer kollektiven Geschichte zugehörig erzählen. Dabei würden Grundüberlegungen mitschwingen und verändert werden. Die Kohärenz sei Grundbedingung für erfolgreiche Resonanz bei anderen. Die entscheidende Frage wäre, ob die Erzähllinien Integrationspotential anbieten und ob dieses von anderen Akteur*innen als nützlich angesehen, angenommen und endlich gemeinsam so genutzt wird, so dass die „intelligente Kollektivität“ für eine sozial und ökologisch nachhaltige Entwicklung wirksam würde.

Müller-Christ hilft also, politische Bündnisse zu organisieren. Hans J. Heinecke kann da mitgehen und formuliert „vier Prinzipien für die Gestaltung von Transformation“: Der Prozess müsse dem Kernanliegen entsprechen, der Zweck dürfe nicht die Mittel entschuldigen (1), reale Transformation verändert Machtverhältnisse und Einflussfelder, sie verlangt also Kampf (2), radikale Veränderungen setzen wirkmächtige Bündnisse voraus (3), Transformationen können nur gelingen, setzen sie am tatsächlichen Alltag der Menschen an (4) (Heinecke , S. 428-429). Transformative Wirtschaftswissenschaft würde möglich, wenn sich Menschen für sie in der Öffentlichkeit engagieren, erfolgreich um Partnerinnen und Partner ringen und einen „attraktiven und offenen Transformationsprozess“ konzipieren (ebd., S. 436).

Irene Antoni-Komar, Marius Rommel, Corinna Vosse sehen drei Grundkriterien für transformative Wirtschaftswissenschaft: sie ist problembezogen, zielt auf die Veränderung nicht nachhaltiger Strukturen, Praktiken und Prozesse, findet gemeinsam mit Akteur*innen aus den nichtwissenschaftlichen Milieus statt. Die Autorinnen und Autoren machen weiter besonderen Forschungsbedarf im Wirtschaften auf der betrieblichen, lokalen und regionalen Ebene aus, im Konsumentenverhalten, in der Auseinandersetzung mit Infrastrukturen, Handlungsressourcen und Handlungsräumen und so auch mit den Möglichkeiten und Grenzen der Alternativökonomie (Antoni-Komar, Rommel, Vosse, S. 446ff.).

Im Zusammenhang damit fragt Jörg Becker, inwiefern betriebliche Prozesse Transformationen im gesellschaftlichen Wirtschaftsleben und im gesellschaftlichen Leben insgesamt auslösen können (Becker, S. 465). Seiner Meinung nach sprechen wir dann von Transformation, „wenn gesellschaftliche Organisation auf der einen und unsere Lebenswelten auf der anderen Seite wechselseitig substanzielle und paradigmatische Wandlungsprozesse durchlaufen“, die Bisheriges in Frage stellen (ebd., S. 470). Mit Bezug auf Karl Polanyi interessiert ihn das Wechselspiel der Treiber und Regulative der modernen Wirtschaft in der Digitalisierung. Treiber und Regulative werden als Motive der Akteure und ihre „Spielregeln“ gesehen (ebd., S. 472). Technologien mit neuen Mensch-Maschine-Kopplungen, Arbeit, Ressourcennutzung, Märkte, Organisationen und Organisationsformen, Transaktionssysteme und Finanzierungsregime, Energiesysteme, Bauen und Wohnen, Logistik und Mobilität, Verkehrs- und Raumkonzepte, Branchengrenzen usw. würden umgestaltet (ebd., S. 473).

Im Wechselspiel von Konvergenz (gegenseitige Angleichung) und Emergenz (Höherentwicklung) der vorhandenen Systeme würde Transformation erfolgen – ein „viel-dimensionaler Prozess auf allen Ebenen des Daseins, also Gesellschaft, Wirtschaft, Bildung und so weiter, der (…) als solcher unaufhaltsam und unumkehrbar ist.“ (ebd., S. 474) Wechselnde Treiber scheinen zu dominieren, Spielregeln werden grundlegend verändert, Folgen werden unaufhaltsam und unumkehrbar. Beckers Darlegungen muten mechanisch an, auch wenn er dann sagt: „Die Richtung des Transformationsprozesses und seine Folgen lassen sich aber möglicher Weise durch Impulse, Strategien und Praktiken beeinflussen.“ (ebd.) Becker sieht eine Eigendynamik der Technik/ Technologien und vergisst die Natur. Nach dem Stoffwechsel der Gesellschaft mit der Natur fragt er nicht. „Digitalisierung spielt das Spiel der Analog-Digital-Wandlung“ (ebd., S. 475) und „ermöglicht das bewusst oder unbewusst koordinierte Verhalten von und zwischen Menschen als auch Systemen über räumliche und zeitliche Grenzen hinweg (…)“. Dabei „verschwinden Grenzen von Branchen und Gewerken, weil das Digitale zur gemeinsamen Plattform wird (…) Die Digitalisierung versetzt in die Lage, verschiedene Aufgaben zu automatisieren, (…) mit zusätzlichen Algorithmen zu versehen, zu simulieren und (…) laufend zu optimieren“ (ebd., S. 475-476). Schließlich könnten digitale Systeme systemisch lernen. „Mit der Digitalisierung finden Entgrenzungen zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten, zwischen Realität und Fiktion wie auch zwischen menschlichem und maschinellem Handeln statt (…) Sie nähern sich immer mehr einander an, gehen Symbiosen (…) ein und werden strukturell und im Ergebnis ununterscheidbar (…)“ (ebd., S. 476).

Becker scheint technikfixiert zu denken, aber sieht, dass die „Ermöglichungstechnologien“ (ebd.), auch neue Grenzen setzen, z.B. durch fehlenden Zugang zu den technischen Bedingungen ihrer Nutzung wegen mangelnden Einkommens. Weil aber die Digitalisierung sowieso stattfinde, sollten die Menschen für die Digitalisierung gewonnen werden. Dabei müssten zumindest „vier wesentliche Gegenstandsebenen der Transformation“ (ebd., S. 480) analysiert, diskutiert und als Herausforderungen angenommen werden: „Grenzverschiebungen im Sinne des technisch, organisatorisch und gesellschaftlich Machbaren; Institutionen, die das (…) algorithmische Repertoire unserer Gesellschaft darstellen; die Regimes, die das ‚soziale Betriebssystem‘ (…) konstituieren, und (…) die Kultur als der sinnstiftende und Paradoxien bewältigende Rahmen. Die wirtschaftlichen Akteure (Unternehmer, Manager und Mitarbeiter) erkunden die Möglichkeiten und stecken ihre ‚Stakes‘ ab. Darin liegt ihre Rolle. Ökonomische Wissenschaft muss die technischen und gesellschaftlichen Utopien begleiten, um daraus politische und gesellschaftliche Gestaltungsoptionen zu entwickeln, aber auch falsche Weichenstellungen zu vermeiden. Zudem muss sie den Alltagsmenschen helfen, gute Entscheidungen zu treffen, gute Politik zu machen und gute Institutionen zu gestalten.“ (ebd., S. 480-481)

Was heißt nun aber „gute Politik machen“, wenn die Technikfixierung zumindest mitschwingt, Selbstbestimmung und Solidarität keine Themen sind, die ökologische Problematik und der Stoffwechselprozess der Menschen mit der Natur keine Rolle spielen? Hinzu kommt, dass Becker den Kreis der „wirtschaftlichen Akteure“ viel zu eng fasst. Es gibt weitaus mehr als die von ihm Genannten, nämlich: sehr verschiedene Kapitaleigentümer, Verbraucherinnen und Verbraucher, politische und staatliche Akteur*innen, „Sicherheits- und Ordnungskräfte“, Militärs, Akteur*innen des Rechts, in der Forschung und Lehre, in der Beratung, in den Medien und der Kultur, Akteure der Zivilgesellschaft usw.. Ihnen wie den von Becker Genannten darf nicht so einfach das „Abstecken von Stakes“ überlassen bleiben. Teilweise müssen sie bekämpft und verdrängt werden. Becker aber bleibt unklar und vage.

Beim Kampf um Politik und insbesondere um Wirtschaftspolitik pro sozialökologische Transformation kommt der politischen und wirtschaftswissenschaftlichen Bildung ein hoher Stellenwert zu. Unter einer entsprechenden „transformativen Bildung“ (Graupe, Schwaetzer, S. 512) in der Wirtschaftswissenschaft verstehen Silja Graupe und Harald Schwaetzer Bildungsformen, die zum Umgang mit moralischen Fragen befähigen. Sie nennen diese noch genauer „transformativ-reflexive Bildung, weil eine solche Befähigung nur möglich ist, wenn die menschlichen Vermögen der Reflexion des eigenen Denkens, Fühlens, Wollens und Wahrnehmens sowie der Folgen für den Denkenden selbst und die Welt bedeutend gestärkt werden.“ (ebd.) Sie verweisen darauf, dass Erkenntnis immer mit individuellen Entscheidungen zu tun hat und sprechen von fünf sehr verschiedenen Arten von Erkenntnis: beeinflusste Erkenntnis, sinnstiftende, objektive, kreative und existentielle. Diejenigen, die lernen wollen, müssten jedes Mal über die geeignete Form entscheiden bzw. die Lehrenden müssten helfen, situationsbezogen erkennen zu lernen (ebd., S. 513-534). Eine zentrale Frage sei, wie das angesichts der Übermacht der Standardökonomik an den Bildungseinrichtungen geleistet werden könnte. Dabei gehe es insbesondere um die Schaffung und Vernetzung geeigneter Räume, wie das z.B. mit der Gründung der privaten Cusanus-Hochschule geschehen sei (ebd., S. 539).

Ein weiterer solcher Raum wurde an der Universität Siegen mit der Einrichtung des Masterstudienganges „Plurale Ökonomik“ geschaffen. Elsa Egerer, Helge Peukert, Jonas Keppeler und Gustav Bergmann stellen ihn vor. Die Grundideen sind:

  1. Die Menschen leben gleichzeitig in wirtschaftlichen, sozialen und natürlichen Räumen.
  2. Werte können bei der Suche nach objektiver Erkenntnis nicht ausgeschlossen werden.
  3. Kultur beeinflusst das ökonomische Denken und wirtschaftliche Handeln.
  4. Die Analyse der Wirtschaftstätigkeit verlangt Interdisziplinarität.
  5. Erkennen und Verstehen verlangen Wissen zur Geschichte des ökonomischen Denkens.
  6. Die Komplexität von Problemen soll respektiert werden.
  7. Das menschliche Wohlergehen verlangt mehr als erfolgreiches Wirtschaften.
  8. Dafür ist das Bruttoinlandsprodukt keine geeignete Kennziffer.
  9. Die menschliche Gesellschaft entwickelt sich dynamisch.
  10. Institutionen sind für das gesellschaftliche Wirtschaftsleben von grundlegender Bedeutung.
  11. Feminismus hilft erkennen.
  12. Die natürliche Umwelt muss von Beginn jedes ökonomischen Denkens an mit in die Betrachtung einbezogen sein.
  13. Menschen sind zugleich Individuen und gesellschaftliche Wesen.
  14. Die Mathematik kann ein hilfreiches Instrument der Ökonomie sein.
  15. Modelle können in der Ökonomie eine nützliche Funktion haben.
  16. Wirtschaftliche Konzeptionen sind auf Irrtümer zu überprüfen.
  17. Staatlicher Einfluss auf das Wirtschaftsleben und seine Regulierung sind nicht per se positiv.
  18. Ökonomische Transaktionen finden auch außerhalb von Märkten statt.
  19. Die Verteilung der Einkommen ist eine eigenständige Variable in der Wirtschaftspolitik (Bergmann, Egerer, Keppeler, Peukert, S. 549).

Es fehlt zumindest eine 20. Prämisse: Immer muss nach den (Haupt)Ursachen und (Haupt)Verursachern der Probleme und insbesondere nach ihrer Position in den Herrschaftsverhältnissen gefragt werden. Dass der Kurs in Siegen insbesondere politökonomisches Wissen und „Management der Mitweltgestaltung“ vertiefen will, lässt hoffen, dass das Defizit behoben wird. Dass die Behauptung der pluralen Ökonomik politische und wirtschaftswissenschaftliche Auseinandersetzung bedeutet, wird noch durch Jonathan Barth und Florian Rommel bekräftigt. Sie haben den Reproduktionskreislauf der Standardökonomik aufgezeigt: Vorlesungen und Seminare (1), Kompetenzentwicklung des studentischen Nachwuchses (2), die gegebenen Normen der wissenschaftlichen Gemeinschaft, die vorhandenen Stellen und Karrieremöglichkeiten (3), die Forschung durch den wissenschaftliche Nachwuchs (4), die Evaluierungskriterien, Berufungsmöglichkeiten und -praxen (5), die tatsächlichen Berufungen (6), die Erarbeitung von Modulhandbüchern, der Akkreditierung von Lehrbüchern (7), die Lehrmaterialien-Entwicklung durch die Dozenten (8) (Barth, Rommel, S. 569). Entsprechend sehen die Autoren zwei Strategien, um hier einzugreifen: Einmal das Ergänzen von Inhalten im laufenden Lehr- und Lernbetrieb und zum anderen die Erschließung von Wissenspotenzialen und Partnern außerhalb des Wissenschaftsbetriebes (ebd., S. 574). Es gibt aber noch eine dritte Einflussmöglichkeit: die bewusste emanzipativ-solidarische Intervention von außen. Daran kann und muss sofort gearbeitet werden!

Ein Fazit

Wir sollten uns also an der Debatte über transformative Wirtschaftswissenschaft und transformative wirtschaftswissenschaftliche Lehre aktiv beteiligen und interessant für die Anderen sein, weil wir etwas Besonderes einspielen können: Praktische Erfahrungen, Möglichkeiten politischer Intervention und politischer Bildung, für das Mitwirken offene konkrete wirtschaftliche und zugleich ökologische Projekte, spezifische Sichten auf die Gesellschaft, ihre Wirtschaftssphäre, gesellschaftliche und globale Probleme. Die „spezifischen Sichten“ gehen insbesondere von der politischen Ökonomie in kritischer Marxscher Tradition und der Reflexion eigener Erfahrungen aus. Um an der Debatte lernend, Einfluss nehmend und bündnispolitisch effektiv partizipieren zu können, sind allerdings auch Voraussetzungen zu erbringen: kulturelle Aufgeschlossenheit, solide Kenntnisse von Debatten und Problemen, die Bereitschaft und Fähigkeit zur Selbstkritik und zur kohärenten Darlegung eigener Sichten und Positionen, Vorschläge und Initiativen.

Da muss man schon recht genau die Rahmenbedingungen wirtschaftswissenschaftlicher Reflexionen kennen: die Probleme in ihrer Komplexität, die Gesetzeslage, Betriebs- und Veraltungsabläufe, technisch-technologische Prozesse und Herausforderungen, die Herkunft der Ressourcen, die Marktsituation, die Interessen der handelnden und betroffenen Akteure, Konflikte, ökologische und naturwissenschaftliche Bedingungen bzw. Auswirkungen und Zusammenhänge, die Situation in Forschung und Lehre. Das heißt nicht, dass jede und jeder all das bis in das letzte Detail wissen muss, aber dass man ein Problemverständnis hat; dass man weiß, was man und was man nicht weiß; dass man Lernbereitschaft und Lernfähigkeit beweist; dass man die „Gesellschaft“ als Gesamtheit der Menschen in ihren Verhältnissen untereinander fasst.

„Die Menschen“ sind zugleich biologische und gesellschaftliche Wesen. Sie unterscheiden sich bzw. haben Gemeinsamkeiten nach ihrem Geschlecht und ihrer sexuellen Orientierung, ihrer körperlichen und geistigen Verfasstheit, ihrer ethnischen, sozialen und kulturellen Herkunft, ihrem Geburtsort und Lebensmittelpunkt, ihrer Stellung im gesellschaftlichen Arbeits- und Reproduktionsprozess, ihrer Weltanschauung, ihrer politischen Orientierung, ihrem Habitus, ihrer Position im gesellschaftlichen Leben.

Die für das individuelle und gesellschaftliche Leben entscheidenden zusammenhängenden Fragen sind: Wer wen warum und mit welchen individuellen, gesellschaftlichen und ökologischen Konsequenzen kommandieren kann und darf (1), wer sich wie warum wessen Arbeitsergebnisse mit welchen individuellen, gesellschaftlichen und ökologischen Konsequenzen aneignen kann und darf (2). Es sind die Fragen nach den gesellschaftlichen Hierarchien im System der gesellschaftlichen Arbeit, in den Geschlechterverhältnissen und in der Familie, in den trans- und internationalen Beziehungen. Darüber hinaus wäre (3) zu fragen, wer sich wie mit welchen Folgen mit (1) und (2) auseinandersetzt. Für ihre Beantwortung wird kritische politische Ökonomie gebraucht. Sie dient als Basis bzw. Bestandteil einer Forschung, die sozialökologische Transformation vorantreiben will.

Die Transformationsforschung fragt wiederum mit dem Blick auf die Geschichte, ob konkrete gesellschaftliche Entwicklungen anders hätten verlaufen können, hätten konkrete Akteur*innen im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu konkreten Zeitpunkten anders gehandelt; warum sie aber gehandelt haben, wie sie es taten; was die Akteure sozialökologischer Transformation daraus lernen können. Zu den „konkreten gesellschaftlichen Entwicklungen“ gehören insbesondere wirtschaftliche und wirtschaftspolitische Prozesse bzw. diese Prozesse prägen die „konkreten gesellschaftlichen Entwicklungen“. Die „Akteure“ sind wiederum relevante wirtschaftliche und wirtschaftspolitische Akteure mit ihren Interessen.

Mit dem Blick in die Zukunft interessieren die Transformationsforschung vor allem zwei aus der Analyse der Geschichte und Gegenwart hervorgehenden Fragen: (I). Welche Szenarien künftiger Gesellschaftsentwicklung gibt es und was bedeuten sie für die Realisierung einer angestrebten sozialökologischen Transformation? Wie sind sie mit der Entwicklung des gesellschaftlichen Wirtschaftslebens verbunden? (II). Was können die heute handelnden Akteur*innen mit ihren Interessen, tun, um ihre Möglichkeiten, wirtschaftlich und wirtschaftspolitisch sozialökologische Transformation einzuleiten und voranzutreiben, zu erhalten, maximal zu nutzen und nachhaltig zu mehren? Was bedeutet das kurz-, mittel- und langfristig für ihr Handeln, ihre politischen Strategien und ihre Selbstveränderung als wirtschaftliche und wirtschaftspolitische Akteure mit konkreten Interessen? Wirtschaftswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sind für die Beantwortung der Fragen unverzichtbar.

  1. im eigenen Selbstverständnis sind die Begriffe „Umbau“ und „Transformation“ von der jeweiligen Nuancierung her verschieden, inhaltlich aber synonym
  2. Konzept zur Ermöglichung eines „klärungsförderlichen Diskurses“, wo der Raum offenbleibt und „friedlich-respektvoller“ Umgang mit verschiedenen Denkweisen angestrebt ist. (Thieme, S. 334)