Capa-Wäldchen oder Kleinmesse?

Satelitenbild des Areals, rot umrandet das Capa-Wäldchen, links davon das RB Gelände und rechts die Kleinmesse.

Kein Verkauf an RB Leipzig

von Gesine Loth (Mitglied der AG Klimagerechtigkeit) und Angela Müller (Sprecherin der AG ADELE)

Die jüngsten Auseinandersetzungen um den von der Stadtverwaltung anvisierten Verkauf eines Grundstückes westlich der Kleinmesse, mittlerweile bekannt als Capa-Wäldchen, an RB Leipzig, sind ein Paradebeispiel für das Schleifen von ökologischen Positionen zugunsten von Kapitalinteressen.

Was war passiert? Die Stadtverwaltung beabsichtigte, am 1.Juli in der letzten Stadtratssitzung vor der Sommerpause eine Vorlage, die letztlich auf den nahezu bedingungslosen Verkauf eines Waldgrundstückes an RB zum Zweck des Neubaus eines eigenen Stadions für die Frauenmannschaft des Klubs hinausläuft, durchzupeitschen. Die alternative Verlegung des Kleinmesse-Platzes an einen anderen geeigneten Standort in der Stadt sei aus den verschiedensten Gründen in der Begründung als unmöglich hingestellt.

Die von der Stadt selbst in ihrer Stadtklimaanalyse vorgenommene Einstufung des Wäldchens in die höchsten Stufe 5 der zu schützenden Waldflächen wird komplett ignoriert. Keine Rede davon, dass der Erhalt des Stadtgrüns den besten Klimaschutz in der Stadt darstellt und gleichzeitig dem Natur- und Artenschutz dient.

Trotz Klimanotstand und Biodiversitätskrise soll ein intakter Wald gerodet werden, um Spielflächen für RB zu schaffen.

Nach der Veröffentlichung der Vorlage im Ratsinformationssystem kam es in der Stadtgesellschaft zu massiven Protesten, insbesondere der Umwelt- und Naturschutzverbände, die in einem Aufruf zu einer Protestkundgebung gipfelten. Während die Grünen zeitnah mit einen ablehnenden Änderungsantrag veröffentlichten, reagierte unsere Fraktion mit einer unglücklichen Presseerklärung, die unter bestimmtem „Bedingungen“ ein Mittragen der Vorlage signalisierte. Ohne konkrete Beschreibung dieser Bedingungen mussten wir, die AG ADELE und die AG Klimagerechtigkeit zur Kenntnis nehmen, dass unsere Fraktion von den Verbänden als „korrumpierbar und käuflich“ wahrgenommen wurde.

Um unseren Auwald zu erhalten, brauchen wir zusammenhängende Flächen, in denen die Arten wandern können. Genau diese Rolle spielt das Capa-Wäldchen als einzig verbliebener Korridor zwischen nördlichem und südlichem Auwald.

Daher muss diese Fläche zwingend geschützt und darf unter keinen Umständen gerodet werden. Ein Ausgleich am Flussufer ohne diesen Biotopverbund ist illusorisch. Die Habitatansprüche der hier lebenden Arten müssen beachtet werden.

Der mittlerweile vorliegende Änderungsantrag unserer Fraktion schließt zwar konsequenterweise einen Verkauf des Grundstückes an RB aus und fordert „eine möglichst durchgehende terrestrische Verbindung zwischen dem nördlichen Auwald und südlichen Auwald“, verneint aber nicht die teilweise Rodung des Waldstückes.

Die Notwendigkeit des Erhalts der Kleinmesse wird von der Linken immer wieder betont und als Ziel der Verhandlungen festgelegt. Ja, sie hat eine 90-jährige Tradition und der AfD möchte man nicht in die Hände spielen, die sich ebenfalls für ihren Erhalt einsetzt. Doch wo ist die Glaubwürdigkeit unserer Partei, die von Klimagerechtigkeit spricht und dieser im neuen Grundsatzprogramm einen bedeutenden Stellenwert einräumen möchte. Die Umweltverbände wenden sich von uns ab. Wir waren/sind möglicherweise die Hoffnung im Stadtrat, neben den Grünen, dem Antrag zum Verkauf und der daraus resultierenden Rodung nicht zuzustimmen. Unsere Genoss*innen sind Mitglieder im NABU und anderen Umweltorganisationen der Stadt und können ‚unsere‘ Haltung dort nicht erklären. Besonders die Äußerungen von Heiko Rosenthal sorgen für großes Unverständnis. Als Bürgermeister und Beigeordneter für Umwelt, Klima, Ordnung und Sport sollte er alle Bereiche im Blick haben. Die beiden ersten Ressorts scheinen in der Diskussion um das Capa-Wäldchen doch sehr vom Fußball und den damit zusammenhängenden Millionen Euro für die klammen Stadtkassen überrollt worden zu sein. Ja, RB ist einer der wenigen Investoren in Leipzig. Doch warum kann RB nicht auf die „erwartbaren Synergieeffekte“¹ eines zusammenhängenden Standorts verzichten, und für die neuen Trainingsflächen einige der Standorte nutzen, die für die Kleinmesse gesucht wurden?

Nach dem Sommer soll der Wahlkampf für Skadi Jennicke beginnen. Wie viele Stimmen wollen wir verlieren oder gar nicht erst gewinnen? Welche und vor allem wessen Kämpfe wollen wir kämpfen?

Uns ärgert besonders, dass in den Statements unserer Partei, weder die Worte Klimaschutz, Klimaanpassung noch Stadtklima fallen. Vielleicht sind die Grünen einfach grüner, aber wir fordern eine Stadt, die allen gehört und damit auch für die Mehrheit lebenswert ist. Die jüngste Hitzewelle hat uns gezeigt, wie weit der Klimawandel bereits fortgeschritten ist. Ja, der Wald wird auch die Straßenbahnen nicht vor einem erneuten Kollaps bewahren. Aber der Einsatz für den Wald würde zeigen, dass wir die Wissenschaft, die bereits so traurige Realität der Hitzerekorde und leider auch Hitzetote, ernst nehmen. Vor allem müssten wir die Stadt an ihre Stadtklimaanalyse erinnern (s.o.). „Denn Wälder speichern CO2, nehmen Wasser nachhaltig auf und sorgen so für Regenrückhalt zur Vermeidung von lokalen Überschwemmungsereignissen. Die Kondensation und Beschattung sorgt für Kühlung und Kaltluftentstehung und dient der Schaffung von Schneisen zum Einleiten von Kaltluft in das Stadtgebiet.“² Stattdessen hätten wir neue versiegelte Trainingsflächen! Für Entsiegelungsmaßnahmen im Stadtgebiet setzte sich Susanne Scheidereiter auf der letzten Stadtratssitzung dankenswerterweise vehement ein. Doch warum spielt der Capa-Wald mit all den genannten Funktionen zum Klimaschutz keine Rolle? Warum überlassen wir das Sprechen über den Erhalt dieses intakten Wäldchens den Grünen und den Umweltverbänden? Denn all das steht im Änderungsantrag unserer Partei nicht!

Der Wald trägt bereits den Namen Capi, in Anlehnung an Hambi und es wird Leute geben, die es nicht ertragen werden, wenn ein weiterer Baum in dieser Stadt gefällt wird. Sie werden ihn mit allen Mitteln verteidigen und möglicherweise werden auch wir unter ihnen sein, um dem Wald, der unseren täglichen Arbeitsweg säumt, eine Stimme zu geben – denn die Natur hat keine Lobby. Worüber hier verhandelt wird, ist Klimaungerechtigkeit in seiner kapitalistischen Reinform.

¹ aus FAQ – Capawald des NABU (intern)

² aus FAQ – Capawald des NABU (intern)

Bild: Angela Müller

2 Kommentare zu „Capa-Wäldchen oder Kleinmesse?“

  1. Ich habe mir diesen Text mehrfach durchgelesen. Die von Gesine Loth und Angela Müller vertretenen Positionen sind sehr fundiert begründet und damit völlig richtig!
    Lasst Euch auf keine faulen Kompromisse ein. Und auch die Linkspartei als solche muss hier eine Position
    beziehen, die der von Loth und Müller entspricht. Die Ökologie muss hier unbedingten Vorrang haben.
    Es bedarf gar keiner Frage, dass wertvoller Wald, Boden zu schützen sind und nicht weit unterwertigen Interessen zu opfern sind !
    Seit Ökosozialisten und keine Ökokapitalisten!
    Theodor Wiesengrund Adorno hat weiterhin recht:
    Es gibt nichts Richtiges Im Falschen.

    Helmut Gelhardt, Mitglied der NaturFreunde Deutschlands,
    Vertreter der KAB Deutschlands in der KlimaAllianz Deutschland
    56566 Neuwied (Rhein)

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